Zur Konstruktion von Identität

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Der Diskurs des Feminismus läuft immer wieder auf die Frage hinaus, inwieweit das Geschlecht einen Menschen formt. Die – vermeintlich objektive – Wahrnehmung, daß jemand als „Mann“ oder „Frau“ geboren wurde, führt ja zu Rückschlüssen auf geschlechtsspezifische Vorlieben, Handlungsmuster, Bewußtseinsformen, etc., die angeblich auf der Beobachtung einer – ebenso vermeidlich objektiven – Wirklichkeit beruhen.

Ich möchte das gar nicht näher ausführen – ich habe nicht die Absicht, mich etwa gegen die Behauptung zu stellen, daß Frauen prinzipiell eher zu monogamen Beziehungen neigen, weil sie aufgrund ihrer biologischen Funktion auf die Aufzucht ihrer Kinder „programmiert“ sind, während Männer der Natur ihrer „egoistischen Gene“ folgen, und nach Nachwuchs von möglichst vielen Frauen streben (in meinen Augen ist das offenkundiger Blödsinn, auch wenn das noch eines der klügeren Argumentationsmuster ist, wenn man Frauen und Männer aufgrund biologischer Unterschiede trennen – bzw. gegeneinander ausspielen – will).

Festzuhalten wäre, daß solche Argumente komplett ausblenden, daß biologische Unterschiede keine Natur sind, sondern Natur nur beschreiben. Beschreibungen jedoch sind sprachliche Artefakte, Konstrukte. Die Unterscheidung in Frau und Mann ist keine Unterscheidung, die Natur selber hervorbringt, sondern ein Unterschied, den Menschen machen, wenn sie über Natur sprechen.

Auf den ersten Blick klingt das wie eine überzogene Haarspalterei. Für den sog. „gesunden Menschenverstand“ ist Sprache ja nur ein Mittler zwischen der Wirklichkeit und dem Sprecher. Wenn man ein Wort sagt, bezeichnet man etwas, was in der Wirklichkeit existiert. Das Wort „Tisch“ ist, dieser Auffassung zufolge, das sprachliche Gegenstück zu einem physischen Gegenstand, den man in einem konkreten Raum sehen und berühren kann – auf dem man z.B. Teller oder Papiere ablegen kann, und hinter dem man sitzt, um zu essen oder zu schreiben.

Aus der gleichen Sicht scheint es völlig klar, daß jemand, den man als „Frau“ bezeichnet, auch ein Gegenstück in der Wirklichkeit hat: es ist, aus dieser Perspektive, eine unbestreitbare Tatsache, daß es „Frauen“ „gibt“, so wie es „Tische“ „gibt“.

Meiner Meinung nach sollte man sich von dieser Perspektive komplett trennen: sie ist vielleicht nicht völlig falsch, zunächst jedoch ohne jeden Bezug zur Praxis, zur „Realität”.

Von der Wirklichkeit können wir nichts wissen, sondern nur über sie sprechen. Sprache aber beschreibt nicht Wirklichkeit, sondern konstruiert sie. Schon der Begriff des Biologischen ist eine Unterscheidung, die in der Sprache liegt, nicht aber in der Wirklichkeit. Dabei steht es nicht in Frage, ob Sprache real ist, oder ob etwas wie „Realität“ existiert. Menschen können aber über Realität nur sprechen. Die Unterscheidung zwischen „Mann“ und „Frau“ ist ein sprachliches Konstrukt, welches freilich eine derart übermächtige Realität hervorbringt, daß es schwer fällt, auch nur die Annahme zu versuchen, daß es nichts mit „Natur“ zu tun hat.

Ich habe vor, zu versuchen, diese Verschiebungen in der Wahrnehmung konkret zu beschreiben, wobei es letztlich darauf hinausläuft, selbst den Begriff des Natürlichen als Konstrukt zu fassen. Dabei scheint es mir sinnvoll, zuerst das zu beschreiben, was ich als Grundton hinter den feministischen Debatten vermute: die Frage nach den Subjekten; die Suche nach Identität.



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Wenn ich sage, daß Wirklichkeit konstruiert ist, behaupte ich keinesfalls, daß sie nicht existiert. Es gibt Gegenstände, und sie existieren nicht nur in unseren Köpfen – und ja: es gibt sehr wohl biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Nur gibt es keine „objektive“ Wirklichkeit, die wir sehen können – und wenn wir dies könnten, gäbe es in ihr keine Begriffe, damit auch keine Tische oder Geschlechter. Dies sind Konstrukte, die Menschen machen – die sie machen müssen, wenn sie über Wirklichkeit etwas sagen wollen.

Es gibt es keine Wirklichkeit jenseits von Sprache.[1]

Wenn man einen Gegenstand als „Tisch“ bezeichnet, ist dies ein Akt des Sprechens, der diesen Gegenstand von Anderen unterscheidet. Dabei ist nur für den sog. „gesunden Menschenverstand“ klar, was ein Tisch ist. Tatsächlich ist dessen Grenze zu anderen Gegenständen jedoch diffus und jenseits einer eindeutigen Definition.

Manchmal reicht es nicht, wenn man nur das Wort Tisch verwendet – dann muß man von einem Eß- oder Schreibtisch reden, weil der Gegenstand, um den es geht, nicht nur eine physische Gestalt hat, sondern auch in einer bestimmten Weise gebraucht wird.

Aber auch der Begriff für den Gegenstand „an und für sich” läßt sich nicht eindeutig definieren: einen kleinen, niedrigen Tisch muß man vielleicht als „Beistelltisch“ bezeichnen, um klar zu machen, daß dies keine Sitzgelegenheit (ein Hocker) ist; und ein Tisch mit einer Schublade unter der Tischplatte ist nur graduell getrennt von einer Kommode (die dann mehr als nur eine Schublade hat).

Trotz dieser Schwierigkeiten, einen sehr einfachen Gegenstand in der Wirklichkeit sprachlich „in den Griff zu bekommen“ – und obwohl man an dieser Stelle letztlich scheitert –, bleibt gar nichts anderes übrig, als zu sprechen. Man bringt etwas auf „den“ Begriff – und beim „Tisch“ hat die historische Entwicklung der Sprache ergeben, daß dies (in meiner Gegenwart) ein Begriff für Gegenstände ist, die drei oder vier Beine haben; aus Holz, Glas oder Stein hergestellt werden; so groß sind wie ein Konferenztisch oder so winzig wie in einer Puppenstube.

Der Witz liegt darin, daß es in der Wirklichkeit keine Tische gibt – es gibt keine Gegenstände, die „Tisch“ „sind“, es gibt nur das sprachliche Konstrukt „Tisch“. Die Natur hat keine „Namen“ für Gegenstände; und Sprache bezeichnet nicht bloß etwas, was „wirklich“ da ist. In Sprache konstruieren wir die Gegenstände in dem Moment, in dem sie („uns erscheinen”, hätte ich fast gesagt:) werden.

  1. [1] Mir ist klar, daß ich hier die Dinge verkürze.


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Ich versuche es mit einem Beispiel, mit der Vorstellung von vier Körpern.

Die erste Figur ist eine kleine (1.60m), dünne (<50kg) Frau, eine Tänzerin. Neben ihr steht ein ebenso kleiner Mann, der auch nicht viel mehr auf die Waage bringt – möglicherweise mit einem Drogenproblem, vielleicht aber auch ein Filmstar aus Hollywood.

Dann gibt es ein Mannsbild wie aus dem 19.Jh. – ein Schlachter, Hafenarbeiter, oder Bauer, knapp zwei Meter groß und mindestens drei Zentner schwer, mit unter Bergen aus Fleisch und Fett versteckten Muskeln. Seine Frau steht daneben, ebenso groß und schwer wie er, kraftvoll von der Praxis harter körperlicher Arbeit.

Diese beiden Paare trennt mehr als sie verbindet. Man könnte beim ersten Hinsehen leicht vermuten, daß man es mit Vertretern zweier verschiedener Spezies zu tun hat hat; daß es sich bei allen Vieren um Menschen handelt, ergibt sich womöglich erst nach einer umständlichen Analyse.

Dennoch scheint es selbstverständlich, daß man diese beiden Frauen, die schon auf der Ebene der Erscheinung ihrer Körper mehr trennt als verbindet, in die eine Schublade steckt, und die beiden ebenso drastisch in ihrem Äußeren unterschiedene Männer in die andere.[1] Die gesellschaftliche Funktion von Tänzerin und Schwerarbeiterin unterscheidet sich komplett voneinander, wobei beide Berufe bestimmte, wenn auch sehr verschiedene körperliche Dispositionen erfordern – hier spielt die „biologische Komponente“ also durchaus eine entscheidende Rolle. Trotzdem sind das, für den „gesunden Menschenverstand”, zuallererst Frauen, beschrieben zuallererst durch ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen. Hier kann man mit Händen fassen, wie die Zuordnung in „Frauen“ und „Männer“ komplett an der konkreten Beschreibung der Körper vorbei geht, und einem Kategoriensystem zu verdanken ist, das noch vor jeder „biologischen“ Zuschreibung zustande kommt.

Nicht nur die Grenze zwischen Gegenständen, die man als „Tische“ beschreibt und jenen, für die man andere Begriffe sucht, ist unscharf am Schwimmen. Auch vermeidlich „natürliche“ Unterschiede sind bei genauerem Hinsehen ausschließlich sprachliche Konstrukte, die keinesfalls in „Natur“ oder „Biologie“ wurzeln.

Beim Unterschied zwischen Frauen und Männern hat man es nicht mit Natur zu tun, sondern allein mit Sprache.

  1. [1] Hier müßte ein langer Exkurs über die vermeidlich biologisch bedingten Eigenschaften folgen, die Männer und Frauen angeblich unterscheiden – aggressive Jäger vs. sorgende Mütter, um dem Thema einen Titel zu geben.

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Die Zuschreibung als Mann oder Frau ist natürlich nicht das einzige Kriterium bei der Bestimmung einer Identität, wenn auch die sicherlich wichtigste und folgenreichste. Neben biologischen Bestimmungen über den Körper (dick / dünn, groß / klein, schön / häßlich, klug / dumm, alt / jung, gesund / krank bzw. gesund / behindert) gibt es solche gesellschaftlicher Natur (arm / reich, einflußreich / abhängig, um das nur sehr knapp anzudeuten). Wie bei der Unterscheidung zwischen „Sex“ und „Gender“ macht es m.E. auch hier keinen Sinn, einen Unterschied zwischen Biologie und Gesellschaft zu machen; noch mehr als bei der Differenz der „natürlichen“ und „gesellschaftlich verursachten“ Umstände bei der Bestimmung des Geschlechts sind hier die beiden Ebenen mehr voneinander abhängig, als daß sie prinzipielle Unterschiede aufzeigen. Wer arm ist, wird aufgrund eingeschränkten Zugangs zu gesunder Ernährung und medizinischer Versorgung eher krank, etc.pp.

Interessanter finde ich die Betrachtung, wieweit die unterschiedlichen Kriterien bei der Bestimmung von Identität eindeutig zuweisen, oder eher ausgewaschene Grenzen ziehen. Das Kriterium weiblich / männlich zeigt hier die größte Neigung, etwas wie zwei eindeutige Pole zu beschreiben, obwohl es eine große Zahl von Identitäten gibt, die nicht recht in das Raster passen – dabei stehen die keinesfalls eindeutig zuordbaren sexuellen Präferenzen (hetero-, bi-, homosexuell) nur am Anfang von allen möglichen Übergängen. Andere Kriterien lassen sich eher als Abweichungen von einem – subjektiven und/oder gesellschaftlich gefassten, schon in sich eher schwammigen – „Ideal“ beschreiben. So gibt es ein „normales“ Körpergewicht, von dem „Dicke“ und „Dünne“ abweichen; eine „normale“ Größe, unterhalb derer man „klein“ und oberhalb der man „groß“ ist; etc. Interessant ist noch der Unterschied in den Abweichungen vom „gesunden“ Normalzustand: ist das nur temporär, ist man „krank“, ist es permanent, spricht man von „behindert“; wobei zwischen diesen beiden Ebenen wiederum fließende Grenzen existieren (irgendwann kann eine Krankheit zur Behinderung werden).

Dabei gibt es in der Akzeptanz von Abweichungen unterschiedliche Toleranzen. „Alte“ oder „junge“ Menschen stellen fast schon keine Abweichungen von einer Norm mehr dar, wohl weil jeder Mensch weiß, daß er alle Altersstufen durchlaufen wird (wobei schon mehr als erstaunlich ist, wie die Postmoderne damit beschäftigt ist, ihre Alten auszugrenzen und an den Rand zu stellen). Andere Grenzüberschreitungen verzeiht man leichter (wie z.B. es heute kein Problem ist, wenn junge Frauen ihre Magersucht offen zur Schau stellen), andere schwerer (z.B. - wieder besonders bei Frauen – die Abweichung vom Normalgewicht nach oben, die mit z.T. grotesken Wertungen versehen wird). Besonders massiv trifft es jene, die gegen die grundlegende Differenz verstoßen – wo sich Männer wie Frauen kleiden, oder das Geschlecht eines Körpers durch Operationen und den Einsatz von Medikamenten verändert wird.

Die unterschiedlichen Ideale sind bekanntermaßen historisch höchst unterschiedlich definiert. Dabei ist dies auch für jene Kriterien der Fall, die die geschlechtliche Identität bestimmen. Ein oft gehörtes Argument für die anscheinend naturgegeben Trennung von Frauen und Männern lautet ja, daß die einen schließlich schwanger werden könnten, die anderen nicht – das sei ein Unterschied von so ungeheurer Bedeutung, daß man ihn nicht beiseite schieben könne. Die Bedeutung ungeleugnet, ist sie jedoch keinesfalls fraglos und zu allen Zeiten gleich „groß” und hat die gleichen Folgen. Wenn man etwa einen adligen Grundbesitzer im Mittelalter nach der Bedeutung von Gebärfähigkeit fragt, wird er drei Fälle unterscheiden: die seiner Frau bis zur Geburt des männlichen Erbfolgers; bei den Kindern danach (die immer noch zählt, aber nur noch gewissermaßen zur Ersatzbeschaffung, falls dem Erbfolger etwas zustößt); und die der Mägde auf seinen Höfen (die ihn allenfalls in ihrer Rolle bei der Beschaffung von Arbeitskräfte interessiert). Dem entsprechen drei unterschiedliche Frauenbilder und -rollen. - Nochmal dramatisch anders sieht es aus, wenn man über frühe menschliche Gesellschaften spekuliert, die den Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft noch nicht kennen.[1] Falls in solchen Gemeinschaften Sprache schon existierte, wird man jede Geburt als unerklärliches Wunder dem Wirken mächtiger Götter zugeschrieben haben – eine völlig andere Zuschreibung als jene, die wir heute als naturgegeben annehmen, und die Rolle der Frauen in solchen archaischen Gesellschaften massiv beeinflußt haben muß.

  1. [1] Vergl. Christoph Türcke: Philosophie des Traums, München 2008.



(Notizen)


[Grabbelkiste - Zitate und Blogeinträge, die ich nicht aus dem Auge verlieren will, obwohl sie in den laufenden Text nicht hineinpassen.]



Richard Rorty


Wir müssen zwischen der Behauptung, daß die Welt dort draußen ist, und der Behauptung, daß Wahrheit dort draußen ist, unterscheiden.[…] Die Welt ist dort draußen, nicht aber die Beschreibung der Welt. Nur Beschreibungen der Welt können wahr oder falsch sein. Die Welt für sich – ohne Unterstützung durch beschreibende Tätigkeit von Menschen – kann es nicht.

(Richard Rorty. Kontingenz, Ironie und Solidarität. Ff./M.1989. S.23f.)

Das ist eine auf den ersten Blick hergeholte Unterscheidung, die jedoch weitreichende Folgen hat. Auf der einen Seite ist das eine konstruktivistische Sicht der Dinge – die Menschen erzeugen Wahrheit; sie entdecken sie nicht in einer objektiv gegebenen Natur. Auf der anderen Seite gibt es aber Möglichkeiten, das Steuer in die eigenen Hände zu nehmen und die Realität zu verändern – und zwar, indem man spricht, durch Akte des Sprechens. Man ist nicht nur darauf verwiesen, all den fehlerhaften und eingeschränkten Informationen passiv hinterher zu horchen, die man von den Sinnen über den Zustand der Welt entgegen nimmt, sondern man kann aktiv auf sie Einfluß nehmen, indem man an ihrer Beschreibung teilhat.

Für Rorty sind es die Dichter, die über den Zustand der Welt bestimmen, indem sie die „Vokabulare“ im Lauf der Zeit verändern, in denen über Realität gesprochen wird:

Was politische Utopisten seit der Französischen Revolution fühlten, ist nicht, daß eine bleibende zugrundeliegende Natur durch „unnatürliche“ oder „irrationale“ soziale Institutionen unterdrückt oder zurückgedrängt wird, sondern daß sich wandelnde Sprachen und andere soziale Praktiken möglicherweise Menschen von einer anderen Art hervorbringen.

(AaO, S.28)

Das ist für Rorty die gemeinsame „Mission“ des deutschen Idealismus, der französischen Revolutionäre und romantischen Dichter: Menschen machen Wahrheiten, indem sie Sprachen machen, in denen Sätze gebildet werden.



Judith Butler


Wenn das Geschlecht eine Konstruktion ist, muß es dann ein „Ich“ oder ein „Wir“ geben, das diese Konstruktion inszeniert oder durchführt? Wie kann es eine Tätigkeit, ein Konstruieren geben, ohne daß ein Handelnder vorausgesetzt wird, der jener Tätigkeit vorhergeht und sie durchführt? Wie ließ sich der Beweggrund und die Richtung der Konstruktion ohne ein solches Subjekt erklären? Es bedarf eines gewissen Mißtrauens der Grammatik gegenüber, um die Sache in einem anderen Licht zu sehen.

(Judith Butler, Körper von Gewicht, Ff/M 1997, S.28)



Wie entsteht die Vorstellung vom Individuum? In meinen Augen handelt es sich hier um ein Konstrukt, das keinesfalls zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft existierte. Descartes‘ „Cogito, ergo sum“ ist kein universell gültiger Satz – letztlich läuft er ja darauf hinaus, daß neben dem Individuum alles andere verblaßt und unwirklich wird: die objektive Welt wird zu einer Fiktion, die nur in den Köpfen der Menschen, und in letzter Konsequenz sogar nur im eigenen Kopf existiert.

Dabei ist die Erfahrung der Identität nur dann möglich, wenn jemand anders eine Differenz benennt. Wenn man mir zuruft: „He, Du da“, ich mich von diesem Anruf angesprochen fühle, mich umdrehe und sehe, daß tatsächlich ich gemeint bin: erst in diesem Moment kann ich erfahren, daß da ein Unterschied besteht zwischen mir selbst und der Welt. Dieses „He, Du“ ist die erste Form meines Namens; und die erste Form, in der mir diese grundlegende Differenz gegenübertritt, ist ein gesprochenes Wort, ein Sprechakt.

(Ein Baum ist ein Baum, geschieden vom Rest der Welt als „Nicht-Baum“ – mehr läßt sich nicht sagen, aber man kann gar nicht anders, als dies wieder und wieder zu sagen. Zur „objektiven Welt“ habe ich nur Zugang, indem ich sie benenne und mit anderen meine Begriffe teile. Ich kann etwas einen Namen geben, etwas auf einen Begriff bringen – damit beschreibe ich eine Grenze, eine Differenz, nicht jedoch dieses „etwas“ selber.)

Ich bin ein weißer Deutscher, von mittlerer Größe mit blauen Augen. Diese Kategorien beschreiben Differenzen, die sowohl in ihrer Bedeutung wie auch ihrer scheinbaren Objektivität historisch entstanden (und damit auch vergänglich) sind – sie sind allesamt Konstrukte.

Noch bevor man mir einen Namen gab, wurde ich einem Geschlecht zugeordnet. Mein „Menschsein“ war hier sowieso als selbstverständlich vorausgesetzt – dabei ist die Differenz zwischen Menschen und Tieren genauso ein Konstrukt wie die Unterscheidung zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“. Die Zuschreibung zu einem biologischen Geschlecht ist in der Debatte um Identität jedoch das zentrale Konstrukt, wenn man einerseits sicher zu wissen glaubt, daß man ein Mensch ist, aber dennoch keine Ahnung davon hat, welche Rolle man in der Welt spielen soll. In der Wirklichkeit ist das zunächst ganz einfach: es wird darüber bestimmt, wer Junge und wer Mädchen ist, und danach hagelt es Namen.

Das „biologische Geschlecht“ hat mit Natur nichts zu tun – allein der Begriff ist ein Akt von Sprache, und die Wirklichkeit dahinter nichts anderes als ein – freilich überaus wirkungsmächtiges – Konstrukt, das mit einem Hagel einhergeht, der mit Natur nichts, mit Herrschaft jedoch alles zu tun hat.



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