5.10.2008

Glossar: Sonatenhauptsatz

Der Begriff „Sonatenhauptsatz” bezeichnet eine musikalische Form, deren Bauplan, seit Haydn, dem ersten Satz einer Sonate oder Sinfonie zugrunde liegt.

Sie beginnt mit einer Exposition, die sich aus einem Haupt- und einem Seitenthema zusammensetzt. Das Hauptthema wird in der Ursprungstonart vorgestellt; nach einer modulierenden Überleitung erscheint das Seitenthema in einer anderen, kontrastierenden Tonart [1]. In dieser zweiten Tonart endet die Exposition; idR wird sie wiederholt.

Darauf folgt die Durchführung, in der die beiden Themen variiert und entwickelt werden, wobei neben den beiden ursprünglichen Tonarten auch entferntere tonale Zentren angesteuert werden.

Schließlich folgt die Reprise, in der die beiden Themen wiederholt werden. Dabei erscheint jedoch das Nebenthema in der Haupttonart.

Ich möchte zwei Aspekte herausheben, die m.E. zentral sind:

  • Man findet hier ein Modell, mit dem sich auch groß angelegte Formverläufe organisieren lassen. - Die Exposition schließt in einer Nebentonart, und damit in einer Spannung, von der der Hörer eine Auflösung erwartet. Die Durchführung überhöht noch diesen Konflikt zwischen den unterschiedlichen tonalen Zentren, weil in ihr in immer entferntere Tonarten moduliert wird. Erst in der Reprise löst sich die Spannung, wenn endlich die beiden tragenden Themen im gleichen tonalen „Kraftfeld” erscheinen.
  • Neben dem Potential, längeren Zeitverläufen die nötige architektonische Statik zu verleihen, findet sich eine Akzentverlagerung weg von der Wiederholung des musikalischen Materials hin zu dessen thematischer Entwicklung. Frühere Tanzformen werden durch die „wörtliche” Wiederholung kompletter formaler Abschnitte organisiert. In der Sonatenform hingegen gewinnt das verändernde Spiel mit dem Ausgangsmaterial immer mehr an Bedeutung. Dies geschieht - zum einen - durch die Versetzung des Seitenthemas in der Reprise in eine andere Tonart; zum anderen gewinnt die Rolle der Durchführung eine immer größere Bedeutung, bis schließlich - schon bei Brahms - nahezu alles nur noch Durchführung ist, d.h. verändernde und entwickelnde Variation.

Es würde zu weit führen, in die Darstellung der Geschichte der Sonatenform einzusteigen. Anzumerken bleibt, daß sie erstmals Mitte des 18.Jh in den Sinfonien und Streichquartetten Joseph Haydns erscheint, und bis in die Musik unserer Tage eine wichtige Rolle spielt.

Das beschriebene Modell findet sich in Reinform nur in der Wiener Klassik, und selbst dort bereits durch formale Experimente variiert. In der Folge erweist sich die Sonatenform als unerhört robust für alle möglichen Erweiterungen und Veränderungen. So wird der harmonische Rahmen immer weiter gefaßt - die Tonarten für das Seitenthema entfernen sich immer weiter von der Ursprungstonart; es gibt formale Erweiterungen wie ein zunehmendes Gewicht für die Einleitung bzw. Coda; es gibt auch ein drittes Thema; Versuche, das usprüngliche Modell über mehrere Sätze zu verteilen; uvm.)

  1. [1] In der „Urform” findet man das Seitenthema auf der vierten Stufe der Haupttonart (wenn diese in Dur ist) bzw. in der parallelen Durtonart (wenn die Haupttonart in Moll steht).

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