12.1.2009

Musik & Form (3) - Variation

[Fortsetzung von gestern]

Der dritte Begriff schließlich, unter dem sich die weitaus größte Anzahl an Werkzeugen und Verfahren einsortieren läßt, mit denen Musik einen formalen Zusammenhalt bekommt, ist der der Variation. Unter dieser Kategorie fasse ich alle Veränderungen am musikalischen Material zusammen, die das Original immer noch durchscheinen und wiedererkennen lassen (wodurch sie der „Wiederholung“ nahe steht), wobei aber durchaus bereits eine Kontrastwirkung entsteht. Variierte Teile sind einander ähnlich, stehen gleichzeitig aber in einer Spannung zueinander - wobei nur der Grad der Variation darüber entscheidet, welcher dieser beiden Aspekte überwiegt[1].

Dabei können alle musikalischen Parameter verändert werden - Tondauer und -höhe, Klangfarbe, Dynamik oder Harmonik, oder auch mehrere dieser Ebenen gleichzeitig.

Sehr offensichtlich sind Veränderungen in der Lautstärke und Klangfarbe: wenn ein Formteil sehr viel lauter oder z.B. mit einer völlig anderen Besetzung instrumentiert wiederholt wird, ist ein deutlicher Kontrast spürbar, auch wenn sich keine Note ändert. Ähnliches gilt für eine Wiederholung in einer anderen Oktavlage. Bereits deutlich komplexer wird es, wenn einer Melodie eine veränderte Begleitung unterlegt wird, entweder mit denselben Akkorden, die nur anders gesetzt werden, oder mit einer gänzlich neuen Harmonik. Auch die Melodie selber läßt sich verändern; die berühmtesten Verfahren, die im barocken Kontrapunkt entwickelt wurden, sind Augmentation und Diminution (Vergrößerung und Verkleinerung der Dauer der Töne), Umkehrung, Krebs, und Krebs-Umkehrung[2]. Daneben gibt es ein ganzes Füllhorn an Möglichkeiten, eine monophone Linie – egal, ob sie sich in der Haupt-, Mittel- oder Baßstimme befindet – so zu verändern, daß man das „Original“ noch wiedererkennt: wenn man die grundlegenden Proportionen der Rhythmik wie auch die Abfolge der Bewegung der Töne von „aufwärts“ und „abwärts“ beibehält, kann man erstaunlich radikale Veränderungen vornehmen, ohne daß einem geübten Ohr die Verwandtschaft zum Ausgangsmaterial entgeht.

Am Ende dieser Liste steht vielleicht ein polyphoner Satz, in dem alle Stimmen Variationen jeweils unterschiedlicher Linien sind, die im Stück bereits vorher vorgestellt wurden – wobei das Ohr möglicherweise schwer noch den Bezug herstellen könnte, und die Verwandtschaft sich erst anhand des Notentextes entziffern ließe. Dabei wäre auch ein Kontrast zu einem anderen Formteil nicht zwangsläufig gegeben – wenn man die Bezüge nur noch schwer hören kann, ist es sehr wahrscheinlich, daß auch der Bruchpunkt, der einen Kontrast bezeichnet, unterhalb der Schwelle des Wahrnehmbaren liegt.

Interessant ist, daß eine Zunahme der puren Komplexität einer Variation nicht konform geht mit einer zunehmenden kontrastierenden Wirkung oder erhöhten „Farbigkeit“ - im Gegenteil: eine vergleichsweise simple Variation wie die Vervielfachung eines zunächst kammermusikalisch vorgetragenen Themas durch das komplette Orchester kann wesentlich „dramatischer“ wirken als solche Veränderungen, die zwar ungleich weitreichender und „kunstvoller“, aber nur schwer wahrnehmbar sind.

  1. [1] „Grad“ bedeutet dabei nicht „Komplexität“, s.u.. Ich bin gerade von meinen eigenen Folgerungen überrascht.
  2. [2] Das sind Spiegelungen um die horizontale (Umkehrung) bzw. vertikale (Krebs) Achse - es gibt dazu mittlerweile einen Glossar-Eintrag.
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