26.1.2009

Musik & Form (5) - Entwickelnde Variation

(Themenanfang)

Das Verfahren der Variation ist aller abendländischen Musik spätestens seit Monteverdi bekannt. Es gewinnt jedoch eine neue Bedeutung in einer musikgeschichtlichen Entwicklung, die bei Beethoven beginnt und in der seriellen Musik ihren Höhepunkt findet: zuletzt ist alles nur noch Variation.

Keimzelle dieser Entwicklung ist der Sonatenhauptsatz, und in ihm zunächst jener Teil, der zwischen Exposition und Reprise steht, die Durchführung. In ihr werden die in der Exposition vorgestellten Themen „durchgeführt”, d.h. variiert. Das hat für den Spannungsverlauf der gesamten Form zunächst jene Funktion, in von der Haupttonart weiter entfernte Tonarten zu modulieren. Der Mittelteil gewinnt dadurch noch größere Farbigkeit als die zur Dominante geführte Exposition, und wird so zum Höhepunkt (eben zur Mitte) des Satzes. Die folgende Reprise, die auch die Modulation zur Dominante gewissermaßen zurücknimmt, wirkt als Beruhigung und führt dadurch konsequent in den Schluß.

Dabei bleibt es aber nicht. Immer mehr wird die Durchführung zum eigentlichen Kern des gesamten Satzes, und nach und nach bestimmt ihr Verfahren - jenes der Variation - die gesamte Form. Bei Brahms etwa wird das Seitenthema nur zu einem gewissen Teil als Kontrast zum Hauptthema eingeführt: man kann es idR als Variation eines zentralen Motives verstehen, welches schon im Hauptthema eine Rolle spielt. Mehr noch: gerade bei Brahms findet man kaum noch eine Note, die nicht in irgendeinem Verhältnis zu einer zentralen Idee steht - kaum ein Einfall, der sich letztlich nicht als Teil einer Variation erklären ließe. Die Wagnerianer - nicht zuletzt der Meister selbst - haben das noch für einen Mangel an Erfindungsgabe gehalten.

Dabei findet sich hier ein Verfahren, daß für Schönberg und seine Nachfolger von entscheidender Bedeutung ist: »permanente Durchführung«, oder entwickelnde Variation. Unter diese Begriffe subsumiert man das ständige Fortspinnen eines musikalischen Gedankens als Variation von etwas zuvor schon variiertem - anders als im Variationssatz, wo jeder neue Formteil wieder vom Original ausgeht.

Arnold Schönberg greift das Verfahren - gegen die Wagner-Begeisterung und die vorherrschende Bedeutung der Leitmotivik für die Musik des »Fin de siècle« - wieder auf, und kombiniert es mit der Verwendung von Leitmotiven. Schon in seinem (spätromantischen) Frühwerk findet man das Motto verwirklicht, daß keine Stimme im Orchester einfach nur eine Verdopplung einer anderen sein dürfe - statt dessen sollen selbst die Nebenstimmen variierte Gestalten des Ausgangsmaterials sein (eine Maxime, die er mit seinem Freund und Schwager Alexander Zemlinsky teilt). Das führt zu einer enormen Komplexität der Partituren, die sich hörend nur zögerlich vermittelt (der Effekt ist freilich gewaltig: man spürt diesen in dieser Komplexität verborgenen Beziehungsreichtum unmittelbar, ohne ihn - ohne Blick in den Notentext - erklären zu können) - und bereitet den Weg in die Zwölftontechnik und die serielle Musik der Nachkriegszeit.

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