Most 2009

Einleitung


Von der Chirurgie IV im Krankenhaus von Most kann man, sofern der Wind entsprechend steht, den Lärm vom Motodrom deutlich hören. Als ich am Samstag nach zwei Tagen zum ersten Mal wieder unter freiem Himmel stand – hinter mir aus gewisser Entfernung eben jenes permanente Hochbeschleunigen der Motoren; vor mir die böhmische Landschaft, am Horizont von Hügeln begrenzt, vor denen noch die Wolken bis tief hinab ins Tal hingen – hatte ich schon einen gewaltigen Kloß im Hals. Das hätte ganz anders ausgehen können.

Ich bin am dritten Tag auf der Rennstrecke in Most gleich im ersten Turn ziemlich heftig abgeflogen. Beim Versuch, einen Notausgang zu nehmen, bin ich im 3. Gang (bei ca. 120-140km/h) im Kiesbett gelandet. Das Motorrad hat sich überschlagen, und mich in hohem Bogen abgeworfen. Ich bin wohl als erstes mit dem Kopf mehrfach über den Boden gehoppelt, bevor ich mit dem Rücken einschlug - vermutlich habe ich zuvor in der Luft einen Salto gedreht. Danach blieb mir erst einmal komplett die Luft weg, bevor ich wenigstens den Arm heben konnte, um den Zuschauenden zu zeigen, daß ich noch bei Bewußtsein bin.

Das Resultat: schwere Gehirnerschütterung, gebrochene fünfte Rippe, Verdacht auf Bruch der rechten Mittelhand (der sich glücklicherweise nicht bestätigte - es blieb bei einer schweren Prellung). Am Moped ist der Rahmen verzogen, und die Vordergabel ein einziges Trümmerfeld - ich werde es wohl als Totalschaden abschreiben müssen, und allenfalls noch als Teilelager verwenden können.

Dabei hätte das komplett anders ausgehen können - ich habe ganz gewaltig Glück gehabt. Bei nur etwas anderer (keineswegs unbedingt höherer) Geschwindigkeit, mit etwas anderen Winkeln, hätte es gut passieren können, daß der Kopf nicht als Bremse wirkt (indem er - wie geschehen - über das Kiesbett schleift), sondern hart einschlägt, so daß der Nacken als Hebelpunkt für den restlichen Körper wirkt. In dem Fall wäre ein Nackenwirbel an- oder komplett gebrochen, mit möglicherweise tödlichen Folgen, mindestens aber unvermeidbarer Querschnittlähmung. Eine andere offene Frage ist, was geschehen wäre, wenn ich die Nerven gehabt hätte, in der (kurzen) Auflaufszone die Kupplung zu ziehen (ich habe - wahrscheinlich - nicht einmal die Bremse gelöst).

Allein die Tatsache, daß ich den Unfall (das war ein Unfall, kein Sturz, wie er alltäglich im Rennsport vorkommt) in allen Details erinnere, macht deutlich, was für ein unverschämtes Glück ich hatte. Normalerweise geht da die Lampe für mehrere Minuten komplett aus - man sieht schwarz, und zwar auch für die Sekunden vor dem Unfall. Je heftiger das Gehirn traumatisiert wurde, desto schwerer sind gewöhnlich auch die Gedächtnislücken. Mir ist hingegen jede Sekunde förmlich eingebrannt.

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Der Unfall


Objektive Tatsache ist, daß ich ein vor mir fahrendes Motorrad abgeschossen habe. Ich bin ihm heftig in den Hinterreifen gefahren, so daß es mit einem Lowsider zu Boden ging, und bin selber im Kiesbett gelandet, mit den schon geschilderten Folgen[1]. Im Straßenverkehr wäre die Sache sonnenklar: wer auffährt, hat entweder zu wenig Sicherheitsabstand gehalten, oder hat z.B. unter Alkoholeinfluß nicht rechtzeitig reagiert[2] - in jedem Fall trägt er aber die Schuld an dem Schlamassel.

Für mich stellt sich dies hier etwas anders dar, und ich muß kurz ausholen, um meine Sicht der Dinge zu schildern.

Ich bin auf P. in der 180-Grad-Kurve vor Start&Ziel aufgelaufen, und hatte versucht, ihn schon auf der langen Geraden hinter mir zu lassen. Da sein Motorrad über deutlich höhere Leistung verfügt als meine ZX6, war das vergebliches Bemühen, und da er auch in der Folge konsequent am Gas und an der Bremse zog, solange es geradeaus ging, hätte ich seine wenig optimale Linienführung ausnutzen müssen. Das war leichter gesagt als getan, weil er einen reichlich unberechenbaren Schlingerkurs hinlegte. Die Rechtskurve in die Schikane hinein hat er z.B. stumpft genommen, mit der Folge, daß er die folgende Links äußerst eng und in so geringer Geschwindigkeit nehmen mußte, daß meine ZX6 im zweiten Gang verhungert ist, und an ein Durchstechen nicht zu denken war. So ging das dann immer weiter, und da ich nichts riskieren wollte, bin ich hinterher gerollert, und habe mir das erstmal nur angesehen.

Most - Crash-Kurve

Im Google-Earth-Bild[3] sieht man die Rechts, in der wir aneinander geraten sind (oben die helle Fläche ist das Kiesbett). Davor liegt ein Streckenstück, auf dem man bis in den vierten Gang beschleunigt; die Kurve selbst kann man im dritten Gang fahren; es folgt eine Linkskurve. Auf der Satellitenaufnahme kann man eine dunkle Spur erkennen, die die Linie zeigt, auf der wohl sonst die Autos unterwegs sind. Fürs Motorrad funktioniert es wesentlich besser, wenn man noch ein gutes Stück länger im Kurvenäußeren bleibt, und erst etwa auf der Höhe des Anfangs des Kiesbetts ablöst.

Ich hatte vor, einen Überholversuch Außen zu probieren. Wir sind beide äußerst links auf die Kurve zu, hatten angebremst und waren am Rollen, und zwar in einer Geschwindigkeit, von der ich der Meinung war, daß auch P. es schaffen müßte, um die Kurve zu kommen. Ich habe jeden Moment erwartet, daß P. nach rechts abklappt, und wollte aus seinem Windschatten kräftig ans Gas, um an ihm auf der linken Seite mit größerer Kurvenspeed vorbeizukommen.

Ungefähr an „meinem” Ablösepunkt steht P. dann plötzlich in der Bremse - nicht etwa, um vorsichtig ein wenig Geschwindigkeitsüberschuß aus der Fuhre zu nehmen, sondern mit voller Konsequenz, eine Vollbremsung wie beim Abbremsen aus Start&Ziel vor der Schikane. An dieser Stelle war ich vielleicht noch eine Motorradlänge von ihm entfernt und am Beschleunigen - trotz versuchter Notbremsung war da nichts mehr zu machen[4].

Ich habe P., kurz bevor ich dann endgültig zusammengerutscht bin und ins Krankenhaus gebracht wurde, noch kurz sprechen können, und ihn gefragt, warum er denn an der Stelle so heftig gebremst hätte. Seine Antwort lautete sinngemäß, daß man sich ja gern das Data-Recording[5] anschauen könne - er sei aber bestimmt nicht stärker in die Bremse gestiegen als sonst auch. Mit anderen Worten: er hat seine Bremserei keineswegs abgestritten - sie war Teil seiner Linie.

[Zu einer Bewertung komme ich noch - ich muß aber wohl doch schon jetzt betonen, daß ich mich keineswegs als unschuldiges Opfer sehe, das alles richtig gemacht hätte. Ganz im Gegenteil, und ganz schön schwierig.]

  1. [1] P. ist vergleichsweise wenig passiert: er war kurze Zeit später wieder voll einsatzfähig, und so weit ich es weiß, hat er lediglich eine ziemlich scheußlich aussehende Abschürfung am rechten Oberarm davongetragen (die er durch das Tragen von langer Unterwäsche unter der Kombi hätte vermeiden können).
    Seine Maschine - eine extrem teuer unter Durbahns Aufsicht getunte 600ter Honda (140PS bei knapp 140kg Leergewicht) - war ebenfalls vergleichsweise glimpflich davongekommen, wobei aber wohl Teile draufgegangen sind, die den Wert meiner kompletten ZX6 mehrfach überschreiten.
  2. [2] Tatsächlich wurde der Verdacht laut, ich sei mit Restalkohol vom Vorabend auf der Strecke unterwegs gewesen. Der Bitte, einen Bluttest machen zu lassen, hatte ich zugestimmt - er kam aber, aus organisatorischen Gründen, nicht zustande.
  3. [3] Google-Maps-Link für die Rennstrecke Most.
  4. [4] Ich habe immerhin noch versucht, mich in Richtung Kurvenäußeres zu orientieren und den Ausweg ins Kiesbett zu suchen. Hätte ich statt dessen versucht, mich noch rechts vorbeizumogeln (was ebenfalls schief gegangen wäre), hätten sich die beiden Motorräder ineinander verkeilt, mit unabsehbaren Folgen für beide Fahrer.
  5. [5] Siehe Anmerkug 1: Durbahn-modifizierte Mopeds haben alles an Bord, was technisch nur machbar ist, und da gehört ein System zum detaillierten Data-Recording natürlich auch dazu.


Tag 1 + 2


Most war meine erste „richtige” Rennstrecke - der Spreewaldring und Padborg waren allenfalls harmlose Vorübungen für das, was dort auf mich wartete. In Start&Ziel hatte ich zum ersten Mal überhaupt den vierten Gang voll ausgefahren, und mußte noch für ein kurzes Stück in den fünften - das sind dann ca. 220-240 Sachen, aus der man die Fuhre vor der folgenden Schikane (zweiter Gang/ca. 80km/h) mit bloßer Gewalt stoppen muß. Ich habe bis zum Schluß mindestens fünfzig Meter zu früh in die Bremse gegriffen, und es erst am letzten Tag geschafft, wenigstens bis zum Bremspunkt das Gas komplett offen zu halten, statt mit lange vorher geschlossenem Gaszug auf ihn zuzurollen.

Noch mehr Schwierigkeiten hatte ich aber, überhaupt einen Blick für den Kurs zu bekommen. Den gesamten ersten Tag war ich immer wieder davon überrascht, welche Kurve jetzt plötzlich wieder vor mir auftaucht - ich habe den Kurs in seiner ganzen Weitläufigkeit definitiv nicht in den Kopf bekommen. Am Abend mußte ich mir dann auch einiges anhören - meine Motorradfreunde, die mich als eher flotten Fahrer kennen, waren ziemlich verblüfft, als ich plötzlich die Maschine um die Kurven tragen wollte, statt sie zügig und locker zu surfen.

Aber solches „locker sein” kann ich nicht erzwingen. Der erste Tag war ziemlich verkrampft und auf den ersten Blick unergiebig, hat letztlich aber die Grundlagen gelegt.

Am zweiten Tag hat es den gesamten Vormittag geregnet, und meine Laune sackte nach und nach auf den Tiefpunkt, als ich mich langsam damit abzufinden versuchte, daß der Tag ein Totalausfall wird. Ich hatte Bridgestone BT-02 aufgezogen, und die hatten schon kürzlich auf dem Heidbergring gezeigt, daß sie bei trockenem Wetter mit dem Asphalt förmlich verkleben, bei Nässe aber - wie wohl jeder Rennreifen - überhaupt nicht funktionieren.

Am Nachmittag war dann aber die Strecke zumindest für drei Stunden komplett trocken, und als ich nach der Mittagspause herausfuhr, war mir der Kurs plötzlich völlig klar. Irgend etwas war in der Nacht aus der Sinneswahrnehmung ins Unterbewußte gesackt, und stand mir plötzlich zweifelsfrei zur Verfügung. Ich war zwar immer noch nicht schnell genug, um die langgezogenen Kurven mit schleifenden Knien zu fahren. Dafür hatte ich aber einen klaren Blick für den gesamten Kurs, und nicht nur für die jeweils nächste Kurve. Den ersten Turn war ich glatte 35 Minuten draußen, und mußte mich zwingen, Pause zu machen.

Danach hatte ich 30 Minuten Einzeltraining mit Nina Prinz, der einzigen Frau in Deutschland, die unter den Top-Fahrern zu finden ist - immerhin in den Top-10 der IDM. Die paar Runden an Ninas Hinterrad, wie auch ihre Tips in der Nachbesprechung (davon erzähle ich später noch ausführlich), haben bei mir dann endgültig den Kopf frei geräumt, und aus meinem angstbehafteten Respekt vor Tempo und Strecke den Angst-Anteil ausgetrieben. Danach war ich in zwei kurz aufeinander folgenden Turns draußen und habe versucht, zunächst ganz bewußt Ninas Tips bzw. die von ihr vorgegebene Linie umzusetzen. Dann war der Nachmittag aber auch schon gegen 17:00 zu Ende, als es wieder zu regnen begann.

Am abschließenden Tag war ich pünktlich um 9:00 auf der Strecke - und das hätte definitiv mein Tag werden können. Von der ersten Runde an hatte ich es endlich heraus, die Kurven „a Tempo” anzufahren. Selbst in den schnellen Wechselkurven vor der „Applauskurve” war ich permanent mit den Knien am Schleifen - im dritten Gang, bei Geschwindigkeiten also von 140km/h aufwärts. In der „Applauskurve” (vor der 180-Grad-Kurve in Richtung Start&Ziel) hatte ich schließlich den vierten Gang lange vor dem Bremspunkt im Limiter (ca. 220km/h), und hätte wohl im nächsten Turn dort noch in den fünften Gang geschaltet. Auch die Anbremserei verlor nach und nach ihren Schrecken - ich hatte langsam kapiert, wie man bei einer Vollbremsung auch die Gänge herunterschalten kann, ohne daß das Hinterrad blockiert und zu stempeln beginnt.

Ich glaube, daß ich am Ende des Tages an einer Rundenzeit von 2:00min zumindest gekratzt hätte. - Aber es kam ja dann ganz anders.



Die Runden mit Nina Prinz


Nina Prinz (Salzburgring 2009)

Foto: Homepage Nina Prinz
(mit ihrer freundlichen Genehmigung)

An den ersten beiden Tagen stand Nina Prinz für jeweils zwei Stunden als Instruktor zur Verfügung, 1/2 Stunde für €25,- (was in meinen Augen ein echtes Schnäppchen ist). Ich hatte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen und ein Training für den zweiten Tag gebucht. Eigentlich ist das für mich paar Nummern zu groß. Die Instruktoren der Zweirad-Akademie sind immer noch in der Lage, mir weiterzuhelfen. Da braucht es nicht unbedingt jemanden, der in der Top-Ten der IDM mitfährt - sollte man meinen (und so dachten offenbar die meisten Teilnehmer der Veranstaltung - insgesamt wurde Nina gerade dreimal gebucht). Es stellte sich aber heraus, daß diese scheinbare Überforderung genau richtig ist, wenn man wirklich weiter kommen will.

Die ersten drei Runden ist Nina vorweg gefahren, und zwar mit einer 15(?) Jahre alten 916er-Ducati, die von einem der Instruktoren zur Verfügung gestellt wurde. Ihr Material war damit meinem eigenen keinesfalls überlegen, und in diesem Bewußtsein war ich sicher, daß das, was Nina vorgibt, auch mit meiner Maschine möglich ist. Ich habe mich also einfach dran gehängt - und war auf Anhieb wesentlich fixer und vor allem flüssiger unterwegs, als in allen Turns zuvor. Dabei mußte ich (in einer Mischung aus bewunderndem Grinsen und heimlicher Frustration) ein ums andere dabei zusehen, wie Nina sich in aller Seelenruhe auf ihrer Maschine umsetzte und nach hinten schaute, um festzustellen, ob ich noch mitkomme.

Die von Nina vorgegebene Linie fand ich auf Anhieb einleuchtend. An bestimmten Stellen hat sie sich nicht gescheut, auch über die Curbs zu fahren, die ich bis dahin um jeden Preis vermieden hatte. Gerade im „Kurvengeschlängel” vor der Kehre in die Gegenrichtung macht sich das deutlich bezahlt, weil man auf einige Kurven plötzlich geradeaus zusteuert, und ein komplett aufgerichtetes Motorrad abbremsen kann.

In den nächsten drei Runden fuhr ich dann vor (was dann Grundlage für Kritik in der Nachbesprechung wurde), und in der letzten Runde ein letztes Mal Nina, so daß ich meine eigene Linie noch einmal mit ihren Vorgaben abgleichen konnte.

Die Nachbesprechung fand ich mindestens ebenso spannend, wie den praktischen Teil. Sie hat da ein paar Sachen aus dem Nähkästchen geplaudert, die mir zum Teil neu waren, zum Teil zu einander widersprechenden Meinungen gewissermaßen ein Machtwort sprachen.

  • Grundsätzlich gilt bei der Linienführung ein Aspekt, den ich schon von Bernt Spiegel kenne: es kommt auf die letzte Kurve vor einer Geraden an. Wenn davor ein „Kurvengeschlägel” (O-Ton Nina) liegt, muß man die Linie so anpassen, daß sie in der letzten Kurve „aufgeht”.

  • Beim Rausbeschleunigen aus der Kurve gilt: lieber einen Tick später ans Gas, dafür aber mit voller Konsequenz.

  • Man sollte es vermeiden, in Schräglage zu schalten. Notfalls schaltet man bereits vor einer Kurve hoch, auch wenn dadurch die Drehzahl soweit abfällt, daß man nicht mehr die komplette Leistung zur Verfügung hat.

  • Wechselkurven fährt man komplett am Gas - man schließt nicht etwa den Gaszug, wenn man die Maschine umlegt, sondern korrigiert hier allenfalls ein wenig.

Die drei letzten Punkte haben gemeinsam, daß sie für mehr Ruhe im Motorrad sorgen. Eine ruhige Fuhre ist im Zweifelsfall wichtiger (und schneller) als eine, bei der das letzte Quentchen an Leistung zur Verfügung steht.

Nächste Woche ist Nina Prinz wieder Gast bei der Zweirad-Akademie, diesmal auf dem Lausitzring. Ich weiß nicht genau, wie die Zusammenarbeit diesmal aussehen wird, und ich muß gestehen, daß ich das auch gar nicht wissen will. Den Termin am Lausitzring hatte ich schon im November letzten Jahres gebucht, und seit Monaten Urlaub dafür fest eingeplant - ein weiteres Treffen mit Nina wäre da das extra Sahnehäubchen oben drauf gewesen. Schade, schade - aber ich habe da eine etwas verrückte, gar nicht mal völlig abwegige Idee für die nächste Saison im Kopf.

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Nach dem Crash


Als ich im Kiesbett auf dem Rücken lag, bekam ich erstmal für einige Sekunden keine Luft mehr. Ich hatte die Handschuhe ausgezogen und den Helm vom Kopf, als schon der Sanitäter neben mir stand. Nach einer ersten Abfrage meines Zustands (kann ich sehen? wo habe ich Schmerzen?) fuhr man mich von der Strecke in meine Box, wo bereits mein zerschreddertes Motorrad auf mich wartete. In dieser Phase hatte ich wohl einen reichlichen Überschuß an Adrenalin im Blut - die gebrochene Rippe und die geprellte Hand waren mir überhaupt nicht bewußt oder gar schmerzhaft. Ich war einfach bloß frustriert und wütend, und pfefferte den Helm quer durch die Box.

Claudia (Chef-Organisator des Veranstalters des Trainings) begleitete mich dann kurz darauf zum Streckenarzt, der mich eher oberflächlich unter die Lupe nahm, aber eindringlich darauf hinwies, daß ich auf zunehmende Kopfschmerzen achten solle. Wenn dies geschieht, oder mir gar übel wird, solle ich mich umgehend wieder bei ihm melden.

Danach schalteten sich die Schutzmechanismen ab, die unmittelbar nach einem Unfall dafür sorgen, daß man handlungsfähig bleibt - ich fing an, heftig zu schwitzen, mein Kreislauf rutschte zusammen, und ich mußte mich dringend hinlegen. Claudia kümmerte sich darum, daß ich im Schatten liegen und ausruhen konnte, und schaute immer wieder vorbei, um mich z.B. mit Wasser zu versorgen. Sie nahm Anteil, und war - obwohl sie an anderen Stellen mehr als genug zu tun hatte - ständig präsent.

Irgendwann kam die Frage, ob ich mit einer Blutprobe und einem Test auf Alkohol einverstanden sei - P. hatte den Verdacht geäußert, daß bei dem Unfall möglicherweise Restalkohol von der „Party” am Abend zuvor im Spiel gewesen sei. Nachdem es nicht möglich war, eine Blutentnahme direkt an der Strecke vorzunehmen (und mittlerweile ohnehin schon einige Stunden verstrichen waren), bat Claudia mich, doch mit P. zu reden, um die Sache einverständlich zu regeln. Das habe ich dann auch getan - und P. ist ja kein selbstgerechter Dickkopf, ganz im Gegenteil: er war von der Geschichte genauso geschockt wie ich, und suchte nach einer Erklärung.

Im Verlauf dieses Gesprächs wurde mir dann zunehmend schummrig. Mein Kreislauf sackte langsam wieder ab, und ich wollte dringend aus der Sonne. In der Box, in der auch die Verpflegung aufgebaut war, rutschte ich schließlich endgültig zusammen. Ich konnte nur noch darum bitten, doch ganz schnell Claudia zu holen - danach lag ich auf dem Boden, mir wurde schlecht, und ich mußte mich übergeben. Das Szenario, vor dem der Streckenarzt gewarnt hatte, war eingetreten, und man schaffte mich umgehend ins Krankenhaus.



Im Krankenhaus


Als ich direkt nach der Aufnahme im Rollstuhl zum Röntgen, kurz danach ins Zimmer geschoben wurde, hatte ich eine Weile den Eindruck, Teil eines schlechten Films zu sein. Das Krankenhaus von Most stammt schätzungsweise aus den 70er Jahren, und seitdem hat es kaum eine umfassende Sanierung erlebt. Die Kacheln an den Wänden wirkten verblichen, und man konnte überall in der Einrichtung starkte Gebrauchsspuren sehen. Die Beleuchtung in den Gängen mit ihren stellenweise leicht flackernden Neonröhren verstärkte den Eindruck, in der Kulisse eines Gruselfilms unterwegs zu sein.

Das Zimmer teilte ich mit vier Männern, die durchaus munter miteinander am Reden waren - freilich in einer Sprache, in der ich nicht einmal „Ja”, „Nein”, oder „Danke” sagen kann. In meinem angeschlagenen Zustand hatte ich nicht die leiseste Ahnung, was ich von meinen Zimmergenossen zu erwarten hatte - ich muß (nachträglich doch sehr beschämt) zugeben, daß ich als erstes meine Geldbörse in einer Schublade in Sicherheit brachte, die sich nur mit einigem Getöse öffnen ließ.

Der erste Eindruck entsprach dann aber nicht im Mindesten dem, was mich in den nächsten Tagen erwartete. Die ersten 24 Stunden war ich weitgehend teilnahmslos, hing am Tropf und war fast ununterbrochen am Schlafen. Trotzdem hat man sofort versucht, mit mir ins Gespräch zu kommen - mit Händen, Füßen, und ein paar Brocken Deutsch und Englisch. Nach kurzer Zeit hatte ich verstanden, daß im Zimmer Unfallopfer versammelt sind - einer mit einem schweren Motorradunfall im Straßenverkehr, ein anderer mit einem Riß der Achillessehne vom Fußballspiel. Man hat mich auch später unter die Fittiche genommen, etwa am Morgen, als ich offiziell zwar von der radikalen Null-Diät (nichts zu Essen, nicht einmal Flüssigkeit) der ersten Nacht entbunden war, man mir aber kein Frühstück brachte: da wurde mit großer Selbstverständlichkeit geteilt, und ich bekam ein Brötchen und etwas Obst. Das ging später immer so weiter: weil ich kein tschechisches Geld hatte und deshalb nicht im Krankenhaus-eigenen Kiosk einkaufen konnte, schenkte man mir eine halbe Tafel Schokolade, ein Flasche Mineralwasser, usf. - und später sogar ein T-Shirt (wahrscheinlich hat man den Anblick meines vom Krankenhaus gestellten Schlafanzugs nicht mehr ertragen).

Ganz besonders zu einer für ein Krankenhaus geradezu unglaublich entspannten Atmosphäre haben freilich die Krankenschwestern und Pfleger beigetragen. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, es hier mit Personal zu tun zu haben, das unterbezahlt und überarbeitet seiner Pflicht nachkommt. Obwohl am Wochenende offenbar 36-Stunden-Schichten gefahren wurden, haben die Schwestern permanent untereinander und mit den Patienten geredet und gescherzt - da war eigentlich ständig jemand am Lachen, und ich habe es nicht ein einziges Mal erlebt, daß eine Schwester schlecht gelaunt oder überfordert wirkte. Gerade in der ersten Nacht, als jede(?) Stunde mein Blutdruck gemessen und die Reaktion meiner Augen getestet wurde, hatte ich das Gefühl, daß diese Mannschaft ihren Job nicht bloß ernst nimmt, sondern ihn als Berufung erlebt. Die Anteilnahme, die da zu Tage trat, hat mich wirklich schwer beeindruckt. Wenn man ernsthaft verletzt oder krank ist und Pflege braucht, kann ich mir keinen besseren Ort vorstellen, als das Krankenhaus in Most.

Eine Krankenschwester, die mehr als passabel Deutsch sprach und wohl deshalb häufiger mit mir zu tun hatte, war noch eine ganz besondere Zauberfee. Am dritten Tag zog sie mir die Kanüle aus der Vene, mit der ich anfangs mit dem Tropf verbunden war:
Ich: Ich dreh' mich mal weg - das kann ich mir nicht ansehen.
Sie (mit gespielt-ungläubigem Ton): Aber Sie sind doch ein Mann.
Ich: Naja - manchmal schon.
Helles Gekichere.

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