28.1.2009

Glossar: Zwölftontechnik / Dodekaphonie

Unter »Zwölftontechnik« oder »Dodekaphonie« versteht man die Methode der Komposition mit „zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen” (Schönberg). Das Material, mit dem komponiert wird, ist nicht mehr die Funktionsharmonik der tonalen Ordnung, sondern eine vom Komponisten vorher festgelegte Folge von allen zwölf Tönen der chromatischen Tonleiter.

Eine »Reihe« besteht aus genau zwölf Tönen, wobei sich kein Ton - unabhängig von seiner Lage: ein »C« z.B. gilt in allen Oktaven als derselbe Ton - wiederholen darf. Dabei lassen sich insgesamt 48 Varianten verwenden: neben der »Grundform« der »Krebs« (Spiegelung um die vertikale Achse - die Grundform wird von hinten nach vorne gespielt), die »Umkehrung« (Spiegelung um die horizontale Achse - alle Intervallverhältnisse erscheinen umgedreht), der »Krebs der Umkehrung« (Spiegelung um beide Achsen), sowie die Transposition dieser vier Varianten auf alle zwölf Stufen der chromatischen Tonleiter.

Beispiel: die vier Varianten der Reihe, die Alban Bergs Violinkonzert zugrunde liegt (man kann die Symmetrien auch dann erkennen, wenn man keine Noten lesen kann).

Grundform

Zwölftonreihe: Grundform

Krebs

Zwölftonreihe: Krebs

Umkehrung

Zwölftonreihe: Umkehrung

Krebs der Umkehrung

Zwölftonreihe: Krebs der Umkehrung


Alle Töne einer Reihe müssen stets vollständig und in der vorgegebenen Reihenfolge verwendet werden; zuerst hatte Schönberg sogar verboten, einzelne Töne in unmittelbarer Folge zu wiederholen. Dabei wird die Reihe sowohl zur vertikalen wie auch horizontalen Organisation verwendet: sie bildet die Melodien wie auch die Akkorde, wobei alle Mischformen erlaubt sind (z.B. können ihre ersten vier Töne einen Akkord bilden, über dem die restlichen acht Töne als Melodie geführt werden). Die Reihe und ihre Varianten können auch parallel zueinander erscheinen - sie können also polyphon ineinander verschachtelt werden.

  • Das erste Zwölftonwerk im strengen Sinn ist Schönbergs Klaviersuite op.25 von 1921.
  • Der Sinn dieses Verfahrens liegt darin, mit jedem tonalen Zentrum gründlich zu brechen. Wenn jeder der zwölf Töne gleich häufig auftritt, gibt es keinen Ton mehr, der einen Schwerpunkt darstellen und eine „Schwerkraft” entwickeln oder etwas wie eine vorherrschende Tonart - Tonalität - etablieren könnte.
  • Das Verfahren ist alles andere als eine radikale Neuorientierung, die Schönberg sich am grünen Tisch ausgedacht hätte. Seit Wagner - ja, seit Beethoven - tendiert das harmonische Geschehen immer mehr dazu, das tonale Zentrum zu verschleiern und ins Ungewisse zu ziehen. Die erste Sinfonie Beethovens beginnt mit einem Dominantakkord (ein Skandal für das Musikleben im Wien des ausgehenden 18.Jh) und stellt damit das tonale Zentrum wohl noch ins Zentrum, aber eben schon nicht mehr an den Anfang. Wagner treibt es im Tristan soweit, daß die A-Moll-Tonika im Vorspiel zwar immer wieder angesteuert, aber nie tatsächlich erreicht wird. Schönberg zieht - nach etlichen Experimenten, die nach seinem (äußerst beachtlichen) spätromantischen Frühwerk zuerst in ein Stadium freier Atonalität führen - hier lediglich die Konsequenzen.
  • Die Musik Schönbergs und seiner Schüler ist alles andere als deterministisch - dies ist erst die serielle Musik der Nachkriegszeit. Wenn man etwa eine Aufführung von »Moses und Aaron« erlebt hat, fällt es schwer zu glauben, daß diese komplexe, höchst farbige Oper auf der Verwendung genau einer Zwölftonreihe basiert.
  • Das Wort von der „Atonalität” ist ein Kampfbegriff, der Zwölftonmusik letztlich als „Unnatur” diffamieren will. Man muß verstehen, daß auch die tonale Ordnung der Kadenz alles andere als natürlich ist, sondern eine äußerst artifizielle Verbiegung von natürlichen Phänomen vorstellt.
  • „[...] ich bin Musiker, und habe mit Atonalem nichts zu tun. [...] Atonal wird man irgendein Verhältnis von Tönen sowenig nennen können, als man ein Verhältnis von Farben als aspektral oder akomplementär bezeichnen dürfte.” (Arnold Schönberg, Harmonielehre, Universal Edition 1922 (Faksimile), S. 486.)

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