27.6.2013

Cubase 7 - Chord Track - Der schwere Einstieg

(Thema)

Zum Chordtrack gibt es das Statement: „Generell ist das Feature eher technisch ausgerichtet“.

Das kann ich nur unterschreiben. Tatsächlich bin ich sogar ein Fan davon, zumindest die „innovativen“ Features in Cubase so zu gestalten, daß sie keine(!) konkreten „Usecases“ abdecken, sondern den Usern möglichst großen Raum geben, selber kreativ zu werden. Das führt dann oft dazu, daß ein User erst einmal ein eher abstraktes Konzept lernen muß, bevor er es für seine eigene Arbeit kreativ nutzen kann. Dafür hat er dann Optionen, die nicht auf von Steinberg im Vorhinein „festgetackerte“ Arbeitsschritte – eben sog. Usecases – festlegt sind.

Es ist – meiner Erfahrung nach – irre schwierig, eine Balance zu finden zwischen Einstiegshürden auf der einen, und Einschränkungen in der Benutzbarkeit auf der anderen Seite[1].

Kreative Tools[2] wie der Chordtrack verursachen dabei zwei Probleme, die man mE. strikt auseinander halten muß:

  • Hürden bei dem Umgang mit der Software.
  • Hürden im Umgang mit der Problem-Domain.
  • Ein gutes Beispiel für letzteres ist der Mixer. Es gibt bei Steinberg wohl niemanden, der größere Probleme damit hat, dort (in dieser Problem-Domain) das ganze Feld von Features wie Routing, Inserts, Sends, Equalizer, Side-Chain etc. pp. zu verstehen. Wir sind hier alle Domain-Experten. Dabei hätte (habe!) ich durchaus Probleme, einem Außenstehenden meinen eher rudimentären Gebrauch des 12-Kanal-Mischpults zu erklären, mit dem ich die verschiedenen Multi-Media-Geräte in meinem Wohnzimmer so verdrahte, daß 5.1 Surround möglich ist.

    Für eine bestimmte Gruppe von Usern gilt genau dasselbe hinsichtlich des Chordtracks: sie wissen sehr genau, was man mit solch einem Feature machen kann. „Voicings“, „Tensions“, „Kadenz“ sind für sie genauso selbstverständliche Begriffe wie „Sends“ etc. für all jene User, die ein Mischpult alltäglich benutzen[3].

    Dann gibt es – auf einer zweiten, komplett anderen Ebene – das grundlegende Problem, daß es ein User mit einer konkreten Umsetzung seiner Wissens-Domain in Software zu tun hat. Selbst jemand, der sich mit den Features eines (Hardware-)Mischpults bestens auskennt, kann an einer Software scheitern, die mit Konzepten arbeitet, die er nicht versteht (indem sie zB. die Einstellungen für „Multi-Outs” auf verschiedene Ausgänge des Mischpults so versteckt, daß er sie nur sehr schwer findet).

    Gleiches gilt für den Chordtrack. Selbst wenn ein User zB. weiß, daß ein Akkordsymbol nicht direkt abspielbar ist, muß er erst einmal die Stelle finden, an welcher Stelle im GUI („Grafic User Interface”) der Software man einem Akkordsymbol ein Voicing zuweist.

    Usf.

    Als Entwickler pendelt man im Design des GUI zwischen zwei sehr unterschiedlichen Polen, und adressiert sehr unterschiedliche Gruppen von „Bedürfnissen” (aka GUI-Needs):

  • User, die Domainexptern sind (oder nicht; bzw. das Domainwissen erst lernen müssen).
  • User, die das grundlegende Konzept der Software verstehen (oder nicht; bzw. eine überaus komplexe Software wie Cubase konzeptionell erst verstehen müssen).
  • Konkret für den Chordtrack ist der Kompromiß, den man zwischen diesen beiden Polen versucht hat, längst nicht optimal gelungen. Das Problem – diese Komplexität – bekommt man aber nicht aus der Welt, indem man an Symptomen bastelt.

    1. [1] Kritik von den Usern – im Cubase-Forum zB. – bezieht sich interessanterweise meist auf Letzteres.
    2. [2] Der Mixer in Cubase ist ein Bereich, für den das genauso zutrifft – ein Einsteiger hat damit zuerst definitiv keine Chance. Dasselbe trifft zu zB. für den Score-Editor.
    3. [3] Im Bereich des Chordtracks heißt die "Problem-Domain": Musiktheorie.

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