24.11.2009

Die Konstruktion der Wirklichkeit (2)

(Themenanfang)

Heinz von Förster listet einige Begriffe auf[1], und stellt die Frage, ob man es bei ihnen mit Entdeckungen oder vielmehr Erfindungen zu tun habe:

  • Ordnung
  • Zahlen
  • Formeln
  • Symmetrien
  • Naturgesetze
  • Gegenstände
  • Taxonomien

Förster behauptet, daß ein Konstruktivist geneigt sei, sie tendenziell für Erfindungen zu halten. Dieser Definition zufolge gehöre ich ganz klar selber zum Verein – ich halte diese Begriffe ausnahmslos für Projektionen menschlichen Denkens, nicht jedoch für Entdeckungen, die objektiv in der Wirklichkeit existieren.

Die Nagelprobe kann man wohl machen, wenn man sich den Begriff „Naturgesetz” ansieht. Ist denn z.B. „Gravitation” nicht ein Gesetz der Physik, das zu allen Zeiten und an allen Orten existiert, und zwar unabhängig davon, ob ein menschlicher Beobachter dieses Gesetz kennt, und unabhängig vom individuellen Glauben? Tatsächlich würde ein Naturwissenschaftler des 19.Jh diesen Standpunkt vertreten, und auch unser alltägliches intuitives Wissen würde spätestens hier von einer Entdeckung, nicht aber von einer Konstruktion sprechen. Die modernen Naturwissenschaften sind aber bereits weiter, und beschäftigen sich damit, die vier Grundkräfte der Physik – Gravitation; schwache, starke, elektromagnetische Wechselwirkung – unter ein gemeinsames (mathematisches) Dach zu bringen. Würde ich in hundert Jahren noch leben, wäre ich bereit, einen hohen Betrag darauf zu wetten, daß unsere heutige Vorstellung von dem „Grund”, durch den ein Gegenstand zu Boden fällt, dann nur noch ein müdes Lächeln auslöst – ebenso, wie ein heutiger Physiker Keplers Darstellung der Himmelsmechanik für ein übersimplifiziertes und durch Einstein widerlegtes Konzept hält.[2]

Allgemein gesprochen, sind alle wissenschaftlichen Theorien Modelle, die eine Beobachtung vorläufig erklären können. Wissenschaftlich sind sie nur dann, wenn sie prinziell falsifizierbar sind – das Prinzip der Falsifizierbarkeit unterscheidet sie von Glaubenssätzen. Wenn man diese Unterscheidung mitmacht, muß man noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß Theorien ihren Charakter als „wissenschaftlich” letztlich erst dann beweisen, wenn man sie de facto falsifiziert. Über ihre Richtigkeit hingegen läßt sich prinzipiell nichts sagen. Man kann über ihren Wert erst dann eine Aussage treffen, wenn bewiesen wird, daß sie falsch sind.[3]

Diese Vorstellung gilt nicht nur für wissenschaftliche Theorien, sondern betrifft unser gesamtes Weltbild. Unsere Sinne können uns keinen Einblick in die objektive Beschaffenheit der Welt geben, sondern konstruieren lediglich einen Zusammenhang, den man niemals positiv bestätigen, allenfalls irgendwann als falsch erkennen und verwerfen kann. Ernst von Glasersfeld hat dafür eine eindrückliche Metapher[4]: die Suche nach Wahrheit entspricht dem Vorgehen eines blinden Wanderers, der seinen Weg durch einen eng bewachsenen Wald sucht. Immer, wenn er auf ein Hindernis stößt, weiß er, daß er seinen Weg ändern muß. Über die Bäume kann er aber nichts anderes wissen, als daß sie Hindernisse sind.

  1. [1] Einführung in den Konstruktivismus, München 2009, S.45f.
  2. [2] Das ist insofern wiederum eine Simplifizierung, weil Kepler nicht falsch ist, sondern im großen und ganzen völlig richtig liegt. Einstein vertritt zwar ein völlig anderes Bild von der Welt, ist aber letztlich nur graduell „wahrer”. Paradoxerweise kann man mit Keplers Gesetzen den Kurs eines Raumschiffs in die Nachbargalaxie berechnen, nicht jedoch die Funktionsweise einer GPS-Navigation im heutigen Alltag erklären.
  3. [3] Ich habe zu dem Thema bereits Grundsätzliches gesagt.
  4. [4] AaO, S. 19

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