9.11.2009

Handwerker und Genies (21)

(Themenanfang)

Im Rahmen der Debatte über die Qualität von Musik stolpert man fast immer über zwei Themen, die ich kurz berühren will, auch wenn sie nicht ganz in den Rahmen passen - der Fragezeichner hat sie in den Kommentaren (hier und hier) angeschnitten.

Zunächst geht es um die Frage, ob die Beurteilung von zeitgenössischer Musik nicht generell unmöglich ist, weil wir ihr viel zu emotional gegenüber stehen, und ihren tatsächlichen Gehalt nicht von ihrem „emotionalen Gebrauchswert” trennen können. Vielleicht, so die Überlegung, muß ein bestimmtes Werk erst überdauern, bevor wir über die tatsächliche Qualität urteilen können: die wichtigen Komponisten überstehen die Zeit, während ihre unbedeutenderen Zeitgenossen in Vergessenheit geraten. - Ich halte diesen Gedankengang grundsätzlich für fragwürdig, und zwar aus zwei Gründen.

Zunächst „verobjektiviert” sich Musik keinesfalls, nur weil ihr Ursprung in der Vergangenheit liegt. Sie ist lebendig nur deshalb, weil sie auch in der heutigen Zeit eine Funktion hat. Mozart wäre vergessen, wenn nur seine Partituren im Museum aufbewahrt wären. Seine Musik wird aber im Rahmen der heutigen Praxis aufgeführt und von einem (relativ) breiten Publikum gehört - und zwar nicht aus historischem Interesse, sondern weil sie auch heute noch die Hörer emotional berührt. Darin unterscheidet sie sich in nichts von der aktuell geschriebenen Musik.

Dabei ist ihre heutige Funktion idR völlig anders ist als jene, die sie zur Zeit ihres Entstehens hatte. Dadurch wird es schwierig, sich von einer Musik ein konkretes Bild zu machen, die in einem Umfeld entstanden ist, das wir nicht konkret erleben, sondern allenfalls über historische Quellen nachvollziehen können. Das führt z.B. bei den Kantaten Bachs dazu, daß man sich überhaupt erst eine Vorstellung von der Bedeutung der Musik in der protestantischen Kirche sowie der strikten Trennung zwischen musica sacra und musica viva machen muß, bevor man auch nur ansatzweise die Leistung Bachs einschätzen kann. Auch die Qualität eines Streichquartetts Beethovens läßt sich letztlich schwerer beurteilen als die eines Quartetts von Schönberg - Schönberg tritt dem heutigen Hörer (relativ) unvermittelt gegenüber, während dieser vom Beethoven erst die historische Schlacke entfernen muß, bevor er dessen Mühe um die Struktur wahrnimmt, und nicht an der Oberfläche der vermeintlich „schön” klingenden Dur- und Moll-Akkorde letztlich scheitert.

Der zweite Grund ist letztlich auch nur ein Indiz für die behauptete Schwierigkeit im Umgang mit historischer Musik. Heutzutage gibt es einen recht genau umrissenen Kreis von Komponisten, die man zu den „Ewigen” zählt, wobei man jedoch regelmäßig übersieht, daß es auch dort innerhalb des Gesamtwerks fast ausnahmslos Stücke gibt, die qualitativ klar herausfallen. Besonders deutlich kann man das bei Beethoven sehen, der sich in seinem Frühwerk immer wieder von seinen Kritikern zurück pfeifen ließ, um nach einem kühnen Experiment ein nichts sagendes Werk vom Fließband zu liefern (z.B. in den Streichquartetten op. 18, aber auch in der hinter die Errungenschaften der 1.Sinfonie weit zurückfallenden 2.Sinfonie). Angesichts Schuberts muß man sich klar machen, daß die ersten 500 Werke des Deutsch-Verzeichnisses Übungsarbeiten des 15- bis 18jährigen Schülers erfassen. Hierzu gehören u.a. die ersten sechs Sinfonien, die trotz ihrer Schwächen zum Standardrepertoire der Gegenwart gehören.

Das zweite Thema dreht sich um die Bedeutung von Innovationen, wenn es um die Beurteilung des Werts eines Werks geht. Tatsächlich würde man wahrscheinlich achtlos an einem Komponisten vorüber gehen, der heutzutage Stücke schreibt, die nach Mozart klingen, so gut die auch handwerklich gemacht wären. Im (weitgefaßten) Zeitalter der Romantik galt es tatsächlich als grundsätzliche Kritik, wenn man jemanden der Nachahmung und des Eklektizismus beschuldigte. Man war der Meinung, daß es einen Fortschritt in der Musikgeschichte gäbe - daß diese ein Ziel und einen benennbaren Sinn habe (bekanntlich hat Hegel den Gedanken des teleologischen Charakters jeder geschichtlichen Entwicklung auf die Spitze getrieben). Jede Wiederholung etwas bereits Dagewesenen war hier gewissermaßen wider die Natur, und hatte einen häßlichen Beigeschmack.

Das wurde in der Zeit davor und jener danach aber anders gesehen, und auch die Leistungen in der Musik wurden nicht danach bemessen, ob jemand besonders originell war - ich habe das in der kurzen Auseinandersetzung mit der Theorie Adornos ein wenig ausführlicher dargestellt. Wenn man z.B. den Pop ernsthaft danach bemessen würde, ob er etwas neues hervorbringt, und all jene Stars, die dies nicht tun, einfach ignoriert, hätte man eine hochgradig limitierte Plattensammlung, die keine Alben aus der Zeit seit Mitte der 70er mehr enthält. Unter dieser Prämisse müßte man übrigens auch den späten Wagner oder alle Opern Richard Strauss' außer Salome und Elektra ablehnen. Tatsächlich hatten die Zeitgenossen große Mühe, den Rückfall hinter einmal erreichte Standards bei diesen beiden Komponisten zu begreifen - nicht wenige waren überzeugt, daß Wagner nach dem Tristan künstlerisch am Ende - „ausgebrannt”, wie man heute sagen würde - war. Er war dies ganz sicherlich nicht, und der „Rosenkavalier” oder die „Ariadne” Strauss' haben ihren Platz in der Musikgeschichte durchaus verdient.

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