29.10.2009

Handwerker und Genies (17)

(Themenanfang)

Wie beim Jazz kommt man auch in der Popmusik mit dem Begriff des Genies nicht weiter. Auch hier sind die Musiker Handwerker, die arbeitsteilig an den Songs und Alben arbeiten. Durch die Bedeutung der Studiotechnik kann man den handwerklichen Charakter sogar noch besser greifen, als im von akustischen Instrumenten geprägten Jazz. Hier sind dezidiert Techniker involviert, die für den Produktionsprozeß unentbehrlich sind, und mit ihrer Arbeit auch an den ästhetischen Aspekten einer Musik beteiligt sind, bei der der Sound eine wichtige Rolle spielt.

Der Handwerkscharakter von Musik tritt umso stärker zu Tage, je einfacher sie ist. Im Jazz oder auch Rock gerade der 60er und 70er Jahre steht man nicht selten einer Komplexität gegenüber, die Assoziationen mit der abendländischen Tradition zuläßt. Wenn man bei den beteiligten Musikern auch nicht von Genies reden kann, ist der Begriff des Virtuosen hier ohne weiteres angemessen. Die Rockstars kann man vielleicht sogar als Diven bezeichnen – die egozentrische Selbstverliebtheit und Rücksichtslosigkeit ihrer Umwelt gegenüber haben sie nicht nur ausnahmsweise mit Opernsängern gemeinsam.

Spätestens im Punk der 80er, aber auch in Hiphop, Rap etc. trifft man dann auf Musiker, die man schwerlich mit den in der Kunstmusik gültigen Maßstäben messen kann. Gerade das Fehlen von handwerklicher Exzellenz macht den handwerklichen Charakter dieser Musik deutlich. Wie ein ungeschickter Tischler vielleicht noch einfache Möbel zusammen bekommt, bei einer kunstvoll (sic!) und detailreich gestalteten Vitrine jedoch versagt, so schafft ein Punkgitarrist gerade mal seine drei Akkorde, und auch die nur verwackelt und mit knapper Not im Rhythmus. Beim DJ, der am Computer sitzt und vielleicht nicht einmal Noten lesen kann, verbietet sich der Vergleich mit einem in sein eigenes Werk versponnen „Künstler“ von selber.

Wie aber soll man die Stars hier einordnen? Sie übernehmen in der Wahrnehmung des Publikums schließlich in wesentlichen Bezügen die Rolle, die im 19.Jh die genialen Komponisten einnahmen – sie stehen mit ihrer ganzen Person für die Musik, und kultivieren nicht selten eine Exzentrik, die jener der Genies hundert Jahre zuvor durchaus ebenbürtig ist. Trotzdem wird man selbst bei einer Ausnahmeerscheinung wie Miles Davis schwerlich von einem Genie sprechen – die Art und Weise, wie hier im Kollektiv Kunst produziert wird, hat eben nichts mit der Egomanie eines Richard Wagner zu tun, der sogar noch über die Architektur seines Opernhauses bestimmte.

Nike Swooch

Tatsächlich versteckt sich hinter der Identifikation eines Stars mit seiner Musik ein objektiv nur sehr lockerer Bezug. Madonna, Michael Jackson, etc.pp. sind letztlich nur Projektionsflächen für eine Musik, die von einer größeren Gruppe produziert wird – sie sind das, was in der Welt der Wirtschaft ein Label für eine Palette einander ähnlicher Produkte darstellt. Madonna et al. sind Labels auf einer Kollektion modischer Musik[1]. Letztlich findet man bei der Popmusik wesentlich mehr Gemeinsamkeiten zu der Entstehung und Vermarktung von Mode, als zu der Musik des 19.Jh. Die Fabriken für ihre Produktion stehen zwar nicht in Fernost, und die Situation der Musiker und Techniker kann man nicht ernsthaft mit jener der Arbeiter in den Sweat-Shops vergleichen. In beiden Bereichen wird aber letztlich entfremdete Arbeit geleistet, deren einförmige Resultate hinterher von einer Marketing-Maschinerie eine passende Außenerscheinung verpaßt bekommen, um so etwas wie Konkurrenz zu simulieren und den Tauschwert künstlich zu erhöhen. Was der Nike-Swoosh für die Turnschuhe bedeutet, indem er sie von den in denselben Fabriken fabrizierten Schuhen der Konkurrenz absetzt, leistet Madonnas Gesicht und Körper für den akustischen Brei aus dem Radio.

  1. [1] Es ist dabei überhaupt kein Wunder, daß die Stars des Popbetriebs ausnahmslos äußerst attraktive Menschen sind und man schon in den Rockbereich schauen muß, bevor man durchschnittliche oder gar häßliche Gesichter findet.

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