28.8.2009

Handwerker und Genies (10)

(Themenanfang)

Wenn man darüber nachdenkt, wie ein Kunstwerk entsteht, hat man häufig nur die Quelle der „Inspiration” im Blick. Man vergißt darüber allzu leicht, daß der Schaffensprozeß zu einem ganz überwiegenden Teil aus Arbeit besteht. Ausgerechnet am Beispiel Richard Wagners kann man dies gut belegen.

Wagner hat seine Partituren in drei Schritten geschrieben, wobei im ersten ein Klavierauszug, im zweiten ein Particell und erst im dritten die komplette Partitur entstand. Beim „Tristan” hat er allein für den dritten Schritt - das Erstellen der Partitur - ein volles Jahr gebraucht, wobei er noch die Notenlinien selber zeichnen mußte, und für eine einzelne Seite einen vollen Tag benötigte. Wagner hat gerne Legenden darüber erzählt, wann und wo ihm ein Einfall zu einer bestimmten Stelle in seinen Opern gekommen sei. Von der Knochenarbeit, die er Tag für Tag zu vollbringen hatte, hat er hingegen selten und nur ausnahmsweise gesprochen.

Musik ist nur selten das Resultat der Bemühung eines Einzelnen - höchstens dann, wenn der Komponist ein eigenes Werk ohne weitere Begleitung vorträgt. Mozart, Beethoven, Liszt, Chopin u.v.a. haben ihre eigenen Werke auf dem Klavier vorgetragen - alles andere ist schon das Ergebnis einer kollektiven Anstrengung. Man hat sich zwar angewöhnt, einzig den Komponisten als Urheber anzusehen, oder zumindest einen Unterschied zwischen der schöpferischen und der - vermeintlich nachgeordneten - interpretatorischen Arbeit zu machen. Dies verlegt letztlich nur den Streit, ob strukturelle oder klangliche Aspekte die „wertvolleren” oder „wichtigeren” seien, auf eine neue Ebene, wo man besser zur Einsicht kommen sollte, daß beide Aspekte in gleicher Weise im Wesen von Musik verankert sind[1].

Musik ist das Resultat einer Arbeitsteilung, wobei diese im Lauf der Geschichte immer weiter ausdifferenziert erscheint. Zu Beginn des 19.Jh sind die Funktionen von Komponist, Dirigent und Solist häufig in ein und dieselbe Person zusammengefaßt. Später kommt es immer mehr zu Spezialisierungen, bis hin zu der Praxis, daß sich Komponisten eigenes einen bestimmten Dirigenten suchen, mit dem sie in gemeinsamer Arbeit eine Partitur umsetzen. Weit übertroffen wird dies im Bereich der Popmusik. Bedingt durch den Einsatz einer Vielzahl technischer Geräte wird der Aufnahmeprozeß im Studio zu einer Sache für Spezialisten, die für das Endergebnis ebenso bedeutend sind wie die Musiker selbst.

Zunächst ist die Produktion von Kunst also Arbeit. Häufig ist sie zudem noch ein gemeinschaftlicher, im Zeitalter des Films sogar gelegentlich arbeitsteiliger, fordistisch-tayloristischer Prozeß, der nicht bloß oberflächliche Assoziationen ans Fließband aufkommen läßt. Entscheidend hier ist jedoch, daß jede Arbeit immer gesellschaftliche Arbeit ist. Wer ein Musikstück schreibt, tut dies in einem gesellschaftlichen Rahmen, der zum einen ein geschichtlicher ist - jeder Komponist fußt auf dem, was er von seinen Vorgängern gelernt hat. Zum anderen handelt er innerhalb der Produktionsbedingungen, unter denen sich die Gesellschaft reproduziert. Jede Komposition hat einen konkreten Gebrauchswert für eine konkreten Gesellschaft. In der kapitalistischen Gesellschaft heißt dies, daß sie gleichzeitig auch einen Tauschwert erhält, den sie auf einem Markt realisieren muß. Dies hat Konsequenzen nicht nur für die Werke selber, sondern auch für den Prozeß ihres Entstehens, sowie das Selbstbild der Künstler.

  1. [1] Zu dem Thema hatte ich an anderer Stelle schon ausführlicher Stellung bezogen.

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