10.8.2009

Handwerker und Genies (3)

(Themenanfang)

Bereits kurz nach dem ersten Weltkrieg fand in der bildenden Kunst wie auch in der Literatur ein radikaler Bruch statt. Die Werke Marcel Duchamps, in denen Altagsgegenstände zu Kunst erklärt wurden; der Rekurs auf automatische Bewußtseinsprozesse im Surrealismus; die Montagetechnik in der Literatur der 20er und 30er Jahren, mit der die Großstadt als handelndes Wesen in den Roman eingeführt wurde; aber auch die Verherrlichung von Krieg und Maschinerie durch die Futuristen - all dies bedeutete ein Zurückdrängen des Subjekts aus der Kunst, und damit das Ende der Bedeutung des schöpferischen Genies.

In der Musik brauchte es noch fast dreißig weitere Jahre, bis auch hier das Subjekt verschwand. Der Einfluß Richard Wagners war derart mächtig, daß sich selbst jene ihm nicht entziehen konnten, die avanciert am Fortschritt des musikalischen Materials arbeiteten. Die Zweite Wiener Schule um Arnold Schönberg und dessen Schüler ging so weit, in der „Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen” eine Technik zu entwickeln, die weit rationaler wirkt als jede Kompositionsweise zuvor. Gleichwohl benutzte man sie u.a., um Opern zu komponieren, die sich heute als eine Fortschreibung der wagnerschen Tradition darstellen, und selbst dann wie genialische Schöpfungen erscheinen, wenn sie - wie Schönbergs Oper „Moses und Aaron”, die auf einer einzigen Zwölftonreihe basiert - mit der Reihentechnik ernst machten.

Nach dem Zusammenbruch am Ende des zweiten Weltkriegs war diese Tradition endgültig und restlos desavouiert. Die Kulturpolitik des Nationalsozialisten bestand ja nicht nur aus Bücherverbrennung, Vertreibung der zumeist jüdischen Intellektuellen und dem Verbot der sog. „entarteten” Kunst. Hitler war lange vor der Machtergreifung gern gesehener Gast in Bayreuth, und Goebbels persönlich stark engagiert, wenn es um die Belange der Berliner Philharmoniker und ihres Dirigenten, Wilhelm Furtwängler, ging. Im Hauptquartier des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, wurde Klavier gespielt und es hingen Ölgemälde an der Wand. Man hat im Dritten Reich die bürgerliche Kultur zwar ihrer Extreme beraubt und sie dadurch zu einer Karikatur ihrer selbst gemacht - oder besser: sie in eine häßliche Fratze verzerrt, hinter der man das ursprüngliche Gesicht aber immer noch ausmachen konnte. In ihrer Essenz wurde sie aber fortgeschrieben, und zwar mit großem Aufwand. Das gilt nicht nur für die beträchtlichen Budgets, die selbst in der Endphase des Krieges noch flossen, sondern auch für eine merkwürdige Oberflächlichkeit in ideologischen Dingen, wenn es z.B. darum ging, jüdische Künstler in gewissem Rahmen zu tolerieren. Das Deutschland unter Hitler war keine kulturlose Bestie, sondern eine Bestie, die in Kultur halb ersoff.

Um das Ausmaß zu verstehen, mit dem jeder geniale Funke in der Nachkriegszeit unter notorischem Generalverdacht stand, hilft es vielleicht, sich einen weiteren Begriff anzusehen, der jenem des Genies unmittelbar beigeordnet ist: den des Helden. Genie und Held sind dicht miteinander verwoben, weil beide außergewöhnliche, ja übermenschliche Leistungen erbringen. Sie unterscheiden sich letztlich nur durch das Ergebnis: das Genie erschafft Werke, und der Held vollbringt Taten. Die Welt des Genies liegt im Geistigen, jene des Helden im Körperlichen. Dabei gibt es durchaus einen Zwischenbereich, weil auch ein Held von geistigen Fähigkeiten profitiert, wenn er seine Taten vollbringt: er kommt häufig dann zum Ziel, wenn er listig ist[1]. - Insofern ist es nur konsequent, wenn in der nationalsozialistischen Propaganda die Verkündigung von heldenhaften Taten im Krieg von einem Motiv aus der Musik eines Komponisten eingeleitet wurde, den man als Genie verehrte, Franz Liszt.

  1. [1] Man kann den Unterschied zwischen den beiden Begriffen verdeutlichen, wenn man sich ihren Alltagsgebrauch ansieht. Außergewöhnliche Sportler wird man kaum als Genies bezeichnen, wohl aber als Helden. Für Albert Einstein oder andere Geistesgrößen gilt das genau umgekehrt. Ein Fußballspieler hingegen, der sich als Spielmacher einen Namen macht, indem er seine Mitspieler mit für den Gegner unvorhersehbaren Pässen in Szene setzt, handelt listenreich, mit Köpfchen - daher gibt es gelegentlich sogar geniale Fußballer.

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