21.6.2009

Klang, Sound (7) - der Steinway-Flügel

(Themenanfang)

Das Steinway-Haus war lange Jahre mitten in der Hamburger Innenstadt beheimatet. Als es vor einigen Jahren in den Norden Altonas umzog, war das für mich ein echter Verlust, weil ich dort meinen Bedarf an Notenmaterial gedeckt hatte. Es gibt zwar Alternativen - aber die ersetzten nicht jene Aura, die entstand, als ich die Treppen zur Notenabteilung im Untergeschoß hinabstieg, nachdem ich zuvor im Verkaufsraum der Versammlung von Klavieren und Flügeln begegnet war.

Freitagabend war ich zum ersten Mal anläßlich eines Konzerts in den neuen Räumen. Da ich deutlich zu früh angekommen war, bin ich ehrfürchtig an den großen Konzertflügeln vorbeigebummelt - bis ich es nicht mehr aushalten konnte und fragte, ob man denn die Instrumente anspielen könne. Das war selbstverständlich möglich, und als ich ein paar Akkorde im Stehen gedrückt hatte, kam jemand (die Leiterin des Hauses, wie sich später herausstellte), und brachte mir eigens einen Klavierhocker.

Ich habe noch nie in meinem Leben vor einem echten, großen Konzertflügel gesessen. Gehört habe ich sie schon oft, von unterschiedlichsten Herstellern und von verschiedenen, auch großen Pianisten gespielt, und ich kann z.B. den Klang eines Bösendorfers von dem eines Steinways unterscheiden. Aber ich habe halt noch nie selber gewissermaßen Regie über den Klang eines solchen Instruments geführt - und wenn man dazu die Gelegenheit bekommt, ist das schon eine ganz erstaunliche Erfahrung.

Wenn man einen Ton im Baßbereich anschlägt und die Taste gedrückt hält, muß man große Geduld aufbringen, bis der Ton endgültig zuende geht - über solch ein langes Sustain verfügt nicht einmal eine verzerrte, stark komprimierte E-Gitarre. Die Klangfülle, die sich selbst bei hauchzart angeschlagenen Akkorden entfaltet, kann mir die Tränen in die Augen treiben, von dem ganz zu schweigen, was einem entgegenkommt, wenn man wirklich in die Tasten haut. Dabei klingen auch solche brutal-laut gespielten Klänge immer noch kultiviert und fordern geradezu dazu heraus, innerhalb des Fortissimos nach den Nuancen zu suchen und den Anschlag leicht zu variieren. In den tiefen Registern kann man Dissonanzen in den Akkorden verstecken, die auf keinem Klavier der Welt noch durchhörbar wären, auch nicht mit noch so aufwändig gemachten Samples, beim Versuch einer Simulation im Computer. Aber auch die allerhöchsten Lagen sind kontrolliert brauchbar, und bieten eben nicht diesen perkussiven und geräuschbehafteten Klang, den man von einfachen Klavieren gewohnt ist.

Die ca. 80.000 Euro, die man in solch ein Instrument investieren muß, würde ich wahrscheinlich irgendwie finanziert bekommen, und es ist gut möglich und ich ginge schon morgen zur Bank - wenn es nicht ein Problem gäbe, das sich definitiv nicht lösen läßt: der Wohnraum, den ein Flügel für sich in Anspruch nimmt, fordert einen Lebensstil, bei dem der Preis für das Instrument eine untergeordnete Rolle spielt.

Ich schildere dieses Erlebnis so ausführlich, weil es ein Problem im systemtheoretischen Umfeld betrifft, mit dem ich augenblicklich beschäftigt bin. Man kann ja das System, das der Spieler und das Klavier bildet, relativ einfach beschreiben: es gibt den primären Regelkreis, bei dem die Hände des Pianisten mittels der Tastatur und einer mit ihr verbundenen Mechanik Saiten zum Schwingen bringen, wodurch Klang entsteht. Der sekundäre Regelkreis, der den primären steuert, besteht einfach aus den Ohren (Sensor) und dem Bewußtsein/Unterbewußtsein (Regler), die miteinander verdrahtet sind. Das große Problem ist hier aber die Frage nach dem Sollwert, den das System annehmen soll. Den 20 Grad, auf die eine automatische Heizungsanlage eingestellt wird, entsprechen im Mensch-Klavier-System die Kategorie von der größtmöglichen „Qualität des Klangs”.

Spätestens hier muß man die Einfachheit von mechanischen Beschreibungen verlassen, wenn man das Phänomen systemtheorisch beschreiben will.

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