29.1.2009

Musik & Form (6) - Leitmotiv

(Themenanfang)

Das Verwendung von Leitmotiven zur Strukturierung gerade von Opern ist seit Richard Wagner (1813-1883) gängige Praxis; nahezu alle Opernkomponisten in seiner Nachfolge haben sie eingesetzt, um die riesigen Abläufe von manchmal mehr als vier Stunden so zu strukturieren, daß man sie auch beim ersten Hören als Einheit empfinden kann. Leitmotive werden idR unverändert wiederholt, und zwar nicht nur z.B. als bereits bekannte Melodie unter einer neuen Begleitung, sondern wörtlich, sogar unter Beibehaltung der Instrumentierung. Dabei sind sie oft ausgesprochen einfach aufgebaut, und manchmal eher ein Signal als ein Thema - gerade die Ring-Tetralogie ist voll von Trompetensignalen, kürzesten Versatzstücken mit sehr einfacher Harmonik, und rhythmisch einprägsamen Gestalten.

Leitmotive dienen nicht dazu, abstrakte bzw. „absolute” Musik zu entwickeln, sondern sind musikalische Stellvertreter: sie vertreten (bzw. assoziieren) eine der auftretenden Figuren, einen bestimmten Ort oder Gegenstand - oder sogar eine abstrakte Idee. Im »Ring« gibt es Motive für Siegfried, Brünhilde, und Wotan, für die Götterburg und die Unterwelt Alberichs, für Siegfrieds Schwert und sein Horn, aber auch für das Feuer und den Sturm (die hier allerdings gleichzeitig als Figuren - in Form von Göttern - auf der Bühne stehen). Im »Tristan« ist das schon komplizierter; hier finden sich Motive z.B. für die Todes- wie die Liebessehnsucht, oder die Einsamkeit und Leere.

Wenn ein Leitmotiv im Orchester auftaucht, kann dies schlicht das Geschehen auf der Bühne illustrieren oder hervorheben, und damit letztlich verdoppeln. Denkbar ist aber auch, daß schon eingeführte und mit einem bestimmten Element bereits fest assoziierte Motive als Kommentar des Orchesters zum Geschehen auf der Bühne dienen. Gerade letzteres hat einen großen Anteil an der Faszination, mit der man vor dem Werk Wagners steht; zuweilen übernimmt das Orchester in seinen Opern den Part des Chors in der antiken Tragödie, der mit seinen Beiträgen die Tiefenschicht des Dramas erst offenlegt. Gerade im »Tristan« finden sich zahlreiche Beispiele, wie durch das Zitieren von Leitmotiven das Orchester die Aussagen der Sänger geradezu konterkariert und einer Szene eine von den Worten losgelöste, ja diesen widersprechende Bedeutung verleiht.

Es zeigt sich, daß bei Wagner - und in den Opern, die nach ihm gewissermaßen in seinem Schatten entstanden - Musik dazu dient, den Fortgang des Dramas zu unterstützen. Ihre Form wird hier zu einer Funktion für etwas Anderes. Alle Wiederholungen der Leitmotive dienen erst in zweiter Linie dazu, einen musikalischen Zusammenhang zu konstituieren; in weit höherem Maß sind sie dazu da, die dramatische Idee zu untermalen, zu unterstützen, oder sogar, auf dem Höhepunkt des Gelingens, überhaupt erst hervorzubringen. Deshalb sind sie dennoch formale Elemente: sie sind dies sogar in solchem Maß, daß das Musikdrama sich von Aristoteles' Forderung nach der Einheit von Raum, Zeit und Handlung nahezu beliebig weit entfernen kann - die Erinnerungsbögen, die die Leitmotive schlagen, erweisen sich als stabiler als jeder Verstoß gegen alle Formen von (dramatischer) Logik.

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