21.1.2009

Notwehr, Freiheitskämpfer, und „Gerechte Kriege”

[Ich komme nicht darum herum, einige grundsätzliche Anmerkungen zum Konflikt um den Gaza-Streifen loszuwerden.]

Wenn zwei Seiten gewaltsam aufeinander losgehen, ist der Angreifer der „Aggressor”, der sich ins Unrecht setzt. Derjenige, der sich verteidigt, tut nichts moralisch Verwerfliches, selbst wenn sein Handeln dazu führt, daß Menschen getötet werden. Notwehr ist zutiefst legitim.

Das ist eine Aussage, von der ich annehme, daß ihr 99% aller Menschen - unabhängig von ihrer kulturellen Prägung - zustimmen. - Dabei gibt es allerdings (mindestens) vier Probleme, die zudem unübersichtlich miteinander verzahnt sind [1].


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Zunächst stellt sich die Frage nach der Legitimität von Attacken auf einen Aggressor, der fremdes Land besetzt. Darauf kann man - wohl wieder ohne auf Widerspruch zu stoßen - eine klare Antwort geben: selbstverständlich ist dies legitim.

Die französische Résistance im zweiten Weltkrieg kann man kaum dafür verurteilen, daß sie deutsche Besatzer getötet hat (und zwar selbst dann nicht, wenn die Opfer zum Dienst in der Wehrmacht gezwungen waren). Ebenso gilt Scharnhorst nicht als skrupelloser preußischer General, der seine Soldaten in den Napoleonischen Kriegen sinnlos geopfert hätte, sondern - sehr zurecht - als Freiheitskämpfer und Held.

Eine andere Frage wäre allerdings, was einen Befreiungskampf von einem sog. „gerechten Krieg” unterscheidet. - Darf die USA im Irak einmarschieren, um die Bevölkerung zu befreien? Oder sind die dortigen Attacken auf die amerikanischen Truppen ein Aufstand von Freiheitskämpfern gegen eine Besatzungsmacht?


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Zweitens ist sehr häufig nicht mehr feststellbar bzw. umstritten (was auf dasselbe hinausläuft, s.u.), welche Partei denn nun den Streit angefangen hat. Das liegt daran, daß Konflikte sich häufig allmählich aufschaukeln und erst nach und nach eskalieren. Erst gibt ein Wort das andere, dann fliegen die Fäuste - wer welche Grenze als erster überschritten hat, läßt sich im nachhinein selbst für einen unbeteiligten Dritten kaum noch sagen.

Wenn zwei Völker in Feindschaft zueinander versinken, passiert dies über viele Jahre, gelegentlich sogar Jahrtausende. Über den Prozeß der Tradierung von Geschichte kann man ganze Bücher füllen; er ist aber ganz gewiß eines nicht: eindeutig oder objektiv. Wem das Recht auf ein Stück Land zusteht oder wo genau eine Grenze verläuft, ist bei aller historischen Recherche idR nicht mehr zu ermitteln.


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Der dritte Punkt bezieht sich auf den Grad, mit dem ein Angreifer zurückgeschlagen werden darf. Es dürfte klar sein, daß ich jemanden, der mich - wie übel auch immer - beleidigt, nicht einfach erschießen darf. Jedoch: hat er mich beleidigt, oder nur verspottet? Darf ich ihm - wenn es denn eine Beleidigung war - eine Ohrfeige verpassen? In bestimmten Situationen wird mancher sagen, daß solch eine Reaktion durchaus nachvollziehbar oder sogar berechtigt ist - und schon haben wir ein Beispiel für eine Eskalation, die sich rechtfertigen läßt, obwohl sie klar eine Grenze überschreitet: aus einer verbalen Attacke wird eine, die auf den Körper zielt.

In kriegerischen Konflikten stellt sich diese Frage in weit höherem Maß, weil die in Frage stehenden Mittel weit vielfältiger und in ihrer Grausamkeit nahezu beliebig zu steigern sind. War die Flächenbombardierung deutscher Städte im 2.Weltkrieg ein Kriegsverbrechen, oder lediglich ein untaugliches, gleichwohl legitimes Mittel beim Versuch, den Widerstand der deutschen Bevölkerung zu brechen? Die Antwort lautet, je nach Standpunkt, durchaus verschieden (und selbst über die in dieser Frage implizierte Behauptung, daß diese Bomben - jenseits jeder Schuld - letztlich falsch waren, gibt es keinen Konsens).


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Um dies alles zusätzlich zu komplizieren, finden die Konflikte häufig zwischen unterschiedlichen Kulturen statt, die selbst noch den Begriff der Wahrheit anders definieren. Im Auge des Westens ist die eigene Kultur zivilisiert und fortschrittlich, wohingegen jene der islamisch geprägten Welt rückschrittlich und barbarisch erscheint. Im Gegenzug sind für das Morgenland die Westler gottlos und moralisch verkommen und haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der sie mit überlegenen Waffen ausgestattet hat (usf.).

Man muß sich darüber klar werden, daß solche Ansichten nicht richtig oder falsch, sondern zutiefst subjektiv sind - und von den Subjekten jeweils als objektive Tatsachen empfunden werden, denen man mit Argumenten und Vernunft niemals beikommt.

  1. [1] Neben den moralischen gibt es noch die Fragen nach den machtpolitischen Gründen, die hinter den Konflikten unserer Tage stehen. - Ich verweise auf den Wikipedia-Eintrag über die Geschichte Palästinas (den man mindestens gelesen haben muß, wenn man auf einer eigenen Meinung zu dem Thema besteht), und einen klug-subjektiven Blogeintrag von SuMuze über die politischen Hintergründe des Gaza-Konflikts. Der Spiegelfechter bezieht gewohnt klar Stellung, wobei er - mit seinem medienkritischen Ansatz - vermutlich weitgehend richtig liegt.
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