11.12.2008

Musikproduktion am Computer (Cymbals)

(Themenanfang)

Eine erste Konsequenz beim Einsatz von Drumcomputern war das Verschwinden der Cymbals (= Becken) im Schlagzeugsound. Dafür war anfangs der limitierte Speicherplatz früher Sampler verantwortlich, der es nicht erlaubte, ein lange ausklingendes Ride- oder Crash-Cymbal aufzunehmen. Im Gegensatz zu vielen anderen akustische Instrumenten sind für diese Sounds nämlich nicht nur der kurze Moment des Anschlags oder Einklingens charakteristisch, sondern der komplette Verlauf im Klang - das macht es vergleichsweise einfach, eine Flöte zu sampeln (die durch ihr typisches Anblasgeräusch sofort erkennbar ist), und fast unmöglich, einen lange gehaltenen Ton nachzustellen, der von einem Saxophon (für den unendlich viele Modulationen in Klangfarbe und Lautstärke typisch sind) oder eben einem Becken stammt. - Das hat man schon immer so gewußt, und deshalb lange Jahre bestimmte Instrumente entweder live hinzu genommen, oder - in einem Akt der Selbstbeschränkung - auf ihren Einsatz verzichtet. In den Computerbeats der Achtziger gibt es die kurze HiHat, nicht aber die Klangwolken der Cymbals.

Limitierungen des Speicherplatzes spielen heute keine Rolle mehr - im Zweifelsfall kann man ein Sample von der Dauer einer halben oder einer ganzen Minute verwenden. Dennoch läßt sich ein prinzipielles Problem nicht lösen: die Reduktion der Komplexität, die für alles Digitale zwingend erforderlich ist, und an der die Simulation eines einfachen Vorgangs wie das wiederholte Schlagen auf ein Becken letztlich scheitert.

  • Zunächst gibt es im analogen Raum eine unendliche Vielzahl von Lautstärken, die sich realisieren lassen. Wenn man eine Schlagzeug-Performance mit äußerst feinen Meßinstrumenten aufzeichnen würde, wäre nicht ein einziger Schlag exakt ebenso laut wie irgend ein anderer. - Im Fall von MIDI gibt es einen Wertebereich von 0-127 für den „Velocity”-Parameter, ein vergleichsweise grobes Raster, das aber selbst heute völlig ausreichend ist, weil ein noch viel gröberes Raster im Sampler seine Anwendung findet: die Velocity-„Layer”. Jede Veränderung in der Lautstärke verändert auch den Klang. Dem versucht man im Sampler gerecht zu werden, indem man für unterschiedliche Lautstärken auch unterschiedliche Samples verwendet - dabei kenne ich bisher noch keinen Versuch, wirklich jeden der 127 MIDI-Velocity-Werte in einem eigenen Layer unterzubringen.
  • Ein zweiter, sehr ähnlicher Aspekt betrifft die unendliche Anzahl möglicher Orte, an denen der Schlagzeug-Stick auftreffen kann. Jede Stelle auf dem Becken ergibt einen anderen Klang - man findet da sehr subtile Variationen neben solchen, die sehr deutlich wahrnehmbar sind, wenn man etwa an die Glocke denkt. Digital läßt sich dies allenfalls durch unterschiedliche MIDI-Noten realisieren - tatsächlich gehen bessere digitale Drums diesen Weg, indem sie eine Schlagfläche in mehrere Zonen aufteilen, über die wiederum unterschiedliche Samples getriggert (angestoßen) werden. Wieder ist dies allenfalls ein Abglanz der analogen Komplexität.
  • Zum dritten wäre selbst dann, wenn man mit völlig identischer Lautstärke exakt dieselbe Stelle träfe, der zweite Schlag komplett anders als der erste, und der dritte und vierte immer wieder unterschiedlich. Der Grund ist, daß der Stick jetzt in eine schwingende Fläche schlägt - und zwar in eine Schwingung, die sich kontinuierlich und chaotisch aufbaut und ändert. Digital läßt sich dieser letzte Punkt überhaupt nicht nachstellen.

Ähnliche Probleme findet man aber auch bei der Simulation aller anderen Instrumente - sehr ausgeprägt noch ausgerechnet beim für die Popmusik eigentlich wichtigen Saxophon, vergleichsweise unkritisch hingegen beim durch das Wirken der Mechanik eh schon fast automatisierten Klavier. Ich will nicht behaupten, daß es einfach wäre, ein Klavier zu sampeln - eher stimmt wohl die Vermutung, daß es hier auch heute nicht möglich ist, ein geübtes Gehör zu täuschen. Dennoch ist die Simulation eines Klaviers eine letztlich banale Angelegenheit, wenn man das mit anderen Instrumenten vergleicht.

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