21.10.2008

Der Weg in die Moderne: Musik zwischen Wagner und Hitler (2)

(Themenanfang)

Wenn man Anfang und Ende jenes Weges, in dem die entscheidenden Transformationen im Verhältnis zwischen Musik und Gesellschaft vollzogen wurden, datieren will, der mit Wagner begann, und - über zahlreiche Umwege - schließlich in der Seriellen Musik nach dem Zweiten Weltkrieg mündete, ist es eine Versuchung, einen Zeitraum zwischen dem Tod Wagners (1883) und der Machtübernahme durch Hitler (1933) fünfzig Jahre später zu nennen.

Dabei gäbe es genug andere Eckpunkte, die plausibel wären. So könnte man den Beginn mit der Kaiserkrönung Wilhelms (1871) setzen, oder dem Anfang der wilhelminischen Epoche nach der Demission Bismarcks (1890), und ihr Ende auf den 8.Mai 1945 (Ende des 2.Weltkrieg). Möglicherweise kann man sogar in der gesamten Romantik eine Einheit sehen, und ihren Beginn z.B. auf das Todesjahr Beethovens (1827) legen, oder aber - aus politischer und gesellschaftlicher Perspektive - auf den Sieg in den Befreiungskriegen über Napoléon und den Beginn von Biedermeier und Restauration (1815).

Wirklich plastisch kann man die zur Debatte stehende Dialektik zwischen Musik und Gesellschaft jedoch mit zwei Ereignissen umgrenzen: der Uraufführung des "Tristan" am 10. Juni 1865 in München, und der Eröffnung der Ausstellung "Entartete Kunst" am 19. Juli 1937, in derselben Stadt.

In seiner Oper "Tristan und Isolde" legte Wagner die Keimzelle für die Auflösung der tonalen Ordnung, mit der sich die Musik des Abendlands fast drei Jahrhunderte beschäftigt hatte, und deren "Überwindung" über "Zwischenstufen" wie freier Atonalität und Zwölftontechnik, an der sich die "Serielle Musik" der fünfziger Jahre übte.

Das Ende jener tonalen Ordnung wurde nicht dadurch erreicht, daß die Musik ihren ureigenen Regungen durch die konsequente Entwicklung ihres künstlerischen Materials folgte. Vielmehr ist es die Katastrophe des Nationalsozialismus, der die romantische Musiktradition so heftig umarmte, daß sie danach unwiderruflich desavouiert war - kein Künstler, der Terror und Krieg erlebt hatte und verarbeiten mußte, konnte noch auf künstlerische Modelle zurückgreifen, die dazu gedient hatten, das Grauen beschönigend zu untermalen.

Man könnte als Endpunkt also durchaus den 30.1.1933 begreifen - die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Damit würde man aber all den Kontinuitäten nicht gerecht, die das Dritte Reich vorbereiteten, und die auch nach der Machtergreifung nicht einfach abgeschnitten wurden. Hindenburg wurde bereits 1925 Reichspräsident, und starb erst ein Jahr, nachdem er die Nazis endgültig installiert hatte; die Flucht der (jüdischen) Künstler aus Deutschland begann 1933 erst zögerlich, und - so wahnsinnig das auch ist - es gibt Überlieferungen zutiefst romantischer Musik, die im KZ geschrieben wurde (Viktor Ullmann hat, nach seiner Einlieferung nach Theresienstadt 1942 bis zu seiner Vergasung zwei Jahre später, zwei große Klaviersonaten geschrieben, die man später als Particell aufgefaßt und für großes Orchester eingerichtet hat).

[Dies ist ein allererster Überblick über das Thema in ein paar sehr groben Thesen - und es würde ganze Bibliotheken füllen, wenn ich diese Thesen auch nur so weit verfeinern würde (sofern ich dies überhaupt könnte), daß sie wenigstens dem heutigen Stand der Forschung entsprechen. - Ich starte mal einen neuen Baukasten - wobei der Titel ("Atonal") hier wirklich - nun: vorläufig ist.]

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