8.10.2008

Klang, Sound (6)

(Kompletter Text)

Links sieht man einen simplen d-moll Akkord - nichts geheimnisvolles also, und in einer harmonischen Analyse jederzeit eindeutig einem Zusammenhang zuzuordnen - so sollte man meinen.

Wenn man den höchsten Ton eine Oktave nach unten transponiert, ergibt sich eine Umkehrung dieses Akkords - den sog. Quart-Sext-Dreiklang in diesem Fall.

Das Ohr nimmt dieses Konstrukt nicht mehr ohne weiteres als in sich ruhenden Dreiklang war. Vielmehr hört sich dies nach einem doppelten Vorhalt an - einem Spannungsgebilde also, das sich erst auflösen muß. So kennt dies auch die klassische Harmonielehre, und bezeichnet es auch so: als Quart-Sext-Vorhalt - Gleiche Noten ergeben also keinesfalls eine identische klangliche Wirkung.

Nun sind die Noten in diesen Beispielen ja keineswegs exakt die gleichen, sondern unterscheiden sich ausgerechnet im tiefsten Ton. Tatsächlich spielt der Baß eine entscheidende Rolle für das harmonische Fundament - was sich auch leicht erklären läßt: die Obertöne [1] aller Töne in einem Akkord spielen eine große Rolle für die klangliche Wirkung, sie überlagern sich mit den „tatsächlichen” notierten Tönen zu einem Gemisch, das in einer Spektralanalyse deutlich sichtbar wird. - Dort sieht man dann, daß von der Baßnote „A” ein A-Dur-Dreiklang ausgeht, in dem das „D” und das „F” des d-moll als dissonierende Töne erscheinen.

Worauf ich hinaus will: diese Überlagerungen werden in einer Spektralanalyse deutlich, nicht jedoch in der Lektüre des Notentextes. - Zunächst ist der simple Fall eines Quart-Sext-Vorhalts der Theorie ja sogar durchaus bekannt, so daß sie ihn idR auch richtig einordnen kann. Meistens.

Links ist dies immer noch derselbe d-moll-Akkord, diesmal aber über mehr als vier Oktaven verteilt, und mit einer derart tief gesetzten Baßnote versehen, daß sie auf einem Klavier schon geräuschhaft klingt. Das hört sich (nach einem kurzem Lauf) so an (MP3, 80kb), und taucht in dieser Form im langsamen Satz von Schuberts Klaviersonate D 959 auf. Das ist nicht mehr als Dreiklang erkennbar, erschließt sich in keiner harmonischen Funktion, sondern erscheint als härteste Dissonanz - tatsächlich ist diese Stelle die äußerste Steigerung einer Passage, die mit verminderten Septimakkorden überhaupt beginnt

Spätestens hier ist die klassische Analyse harmonischer Verläufe am Ende - und wir schreiben gerade mal das Jahr 1825.

  1. [1] Zum Thema „Obertonreihe”: in der Wikipedia ist das Thema reichlich stiefmütterlich behandelt, und der von Google präferierte Link erklärt das Phänomen zwar ganz richtig und anschaulich, zieht aber eine Schlußfolgerung, die man kaum so stehen lassen kann („Der Dur-Akkord ist somit naturgegeben”). - Ich habe mittlerweile zu dem Thema einen eigenen Glossar-Eintrag geschrieben.
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