28.7.2008

Franz Schubert - Klaviersonate A-Dur, D 959

Von den letzten drei Klaviersonaten Schuberts ist die in B-Dur die berühmteste - sehr zu Recht übrigens. Man sollte dabei aber nicht den Fehler machen, die beiden anderen Sonaten (in c-moll bzw. A-Dur) zu ignorieren: sie gehören zum Höhepunkt von Schuberts Schaffen, und damit zu dem der gesamten abendländischen Musiktradition.

In der A-Dur-Sonate ist der zweite, langsame Satz geradezu ein Paradebeispiel für Schuberts Kompositionsstil. Er beginnt mit einem wunderschönen, klagendem Lied in fis-moll, das sich in einer nicht enden wollenden Melodie ergeht. Dabei ist dies kein naiver Kitsch im Gewand eines Volkslieds, sondern von außerordentlicher harmonischer Raffinesse (die sich freilich erst erschließt, wenn man genau hinhört). - Plötzlich bricht das ab. Es folgt ein Gewitter aus verminderten Septimakkorden im Fortissimo und aufgeregten Arpeggien, nur scheinbar aufgelöst von einem Durakkord, der in hoher Lage von einem Baß in Quintlage und tiefstem Register begleitet zur scharfen Dissonanz wird. Das Hauptmotiv des Themas kommt zögerlich und unbegleitet daher, nur um von Akkorden in extrem auseinandergerissener Lage und größter Lautstärke unterbrochen zu werden. Dieses Spiel wiederholt sich mehrfach. Endlich beginnt, nach einer Generalpause, die Reprise des Hauptthemas - welches jetzt allerdings noch die letzte Naivität abgestreift hat, und von den Vorhaltsdissonanzen einer neu hinzutretenden Oberstimme in trübes Licht getaucht erscheint.

Hier - wie in vielen anderen Werken auch - führt Schubert vor, wie sich das Verzweifeln an der Welt musikalisch formulieren läßt. Weit weg davon, einfach nur den formalen und harmonischen Rezepten seiner Vorgänger ein paar neue Details hinzuzufügen, nimmt er die vorgefundenen Regeln, um mit ihnen einen völlig neuen Inhalt zu gestalten. Da gibt es nicht mehr die Idee der Klassik von "edler Einfalt und stiller Größe", der die Forderung nach dem in sich geschlossenen Kunstwerk zur Seite steht; statt dessen findet man die Urgestalt des romantischen Menschen, der an der Realität leidet, und trotz aller Märchenwelten und Kunstgestalten, mit denen er zu ihr ein Gegengewicht schaffen will, letztlich an ihr scheitert.

Die Schubert-Interpretationen Maurizio Pollinis brauchen einen eigenen Eintrag - dessen Auffassung von Agogik bringt mich momentan dazu, nochmals über zentrale Wesensmerkmale von Rhythmik nachzudenken. - Ich komme auf das Thema zurück.

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