22.7.2008

Netzwerkprodukte (19)

(Themenanfang)

Wissen ist immateriell - und damit letztlich dagegen immun, als Produkt auf den Markt gebracht und verkauft zu werden.

Handelbare Waren sind immer Gegenstände, die man tauschen kann. Dies setzt voraus, daß sie sich von einem Ort an einen anderen versetzen lassen. Wissen kann man zwar auch bewegen - es bleibt aber immer gleichzeitig bei seinem ursprünglichen Besitzer: es wird transferiert[1], nicht aber versetzt. Dadurch ist es seinem Wesen nach nicht tauschbar: wenn ich jemandem etwas gebe, damit ich dafür etwas anderes erhalte, setzt dies voraus, daß der ursprüngliche Besitzer hinterher im Besitz des Tauschgegenstandes ist, und seinen eigenen dafür hergegeben hat. Wenn ich jemandem einen Gegenstand gebe, damit er mir sein Wissen mitteilt, hat der andere hinterher meinen Tauschgegenstand sowie das ursprüngliche Wissen in seinem Besitz - für mich wäre dies ein denkbar schlechtes Geschäft.

Das Schreiben von Software ist Wissensproduktion[2].

Der Verkauf von Software funktioniert letztlich nur über eine Reihe von Tricks[3], mit denen versucht wird, den Austausch von Wissen dem Austausch materieller Dinge gleichzusetzen. Dabei ist Software in ihrem Wesen eben kein Ding, das sich bewegen läßt, sondern Information, die man praktisch kostenlos transferieren kann.

Wo der Arbeiter bei VW am Fließband physische Gegenstände produziert, die bei ihrer Nutzung irgendwann unbrauchbar - abgenutzt - werden, erzeugt ein Softwareentwickler eine immaterielle Struktur, die sich beliebig kopieren und endlos oft nutzen läßt. Wenn man bei der Produktion von materiellen Gütern ständig Arbeit investieren muß, um vernutzte Gegenstände zu ersetzen, wird Software nicht obsolet, weil sie kaputt geht, sondern weil sie beständiger Innovation unterliegt. (Eine gewisse Parallele zur materiellen Welt findet sich im vermögenden Autoliebhaber, dem schon die vorletzte Variante eines Modells wertlos vorkommt, so daß er sie gegen das letzte Facelift tauschen muß. Hier würden all jene jubeln, die solchen Zwängen nicht unterliegen und den gebrauchten Jahreswagen bis in alle Ewigkeit und ohne jegliche Reparatur weiterfahren könnten. Solcher Jubel wäre im Softwarebereich ohne weiteres angebracht).

Die Produzenten digitaler Informationsgüter können etwas, was noch kein seriöser Warenproduzent je gekonnt hat und je können wird, etwas, was mit Tauschbeziehungen strikt unvereinbar ist: Sie sind in der Lage dasselbe Produkt, denselben Klingelton oder dieselbe Software, beliebig oft an den Mann oder die Frau zu bringen, und das, ohne wegen Betrugs vor Gericht zu landen!

(Ernst Lohoff: Der Wert des Wissens. Kurzfassung.)

  1. [1] Ich suche noch nach einem Begriff - "Transfer" ist im Sprachgebrauch ja ein Synonym für "Überführung", also als Antithese eigentlich nicht brauchbar. Gesucht ist ein Wort für "Transfer durch (ungegenständliche!) Kopie", im Gegensatz zum "Transfer durch Bewegen".
  2. [2] Diese These liegt eigentlich auf der Hand; ich habe dazu aber noch eine Reihe von Fragen, und verschiebe eine ausführlichere Debatte auf später.
  3. [3] Diese "Tricks" sollte ich bei Gelegenheit näher beleuchten - Stichworte: Anbindung von Soft- an Hardware auf der einen, Maßgaben des Gesetzgebers auf der anderen Seite.
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