26.5.2008

Netzwerkprodukte (10)

(Themenanfang)

Wenn es stimmt, daß fähige Programmierer weniger am Geld, sondern eher an der Sache interessiert sind, erklärt das die Eleganz, mit der viele hochkomplexe Programme funktionieren ebenso wie das Desaster, in dem häufig Brot-und-Butter-Anwendungen versinken. Warum ist Microsofts "Visual-C" ein ziemlich cooles Produkt, "Word" aus demselben Haus hingegen nach wie vor - nun: verbesserungswürdig [1]? Die Antwort ist recht simpel: weil man eher gute Programmierer zur Lösung eines interessanten und komplexen Problems findet, als für ein vielleicht gut bezahltes, ansonsten aber langweiliges Projekt.

Wer einen gut bezahlten Job will, interessiert sich letztlich für jene Situationen, in denen sein Geld eine Rolle spielt - und das ist in den Gehaltsgruppen, um die es hier geht, keinesfalls ein beruflicher und gesellschaftlicher Alltag, in dem es Macht und Geltung verleiht, sondern der Feierabend, wenn man es ausgeben kann. Einen guten Manager kann man mit einem möglichst astronomischen Gehalt kaufen; versucht man dasselbe in der Klasse des sog. Mittelstands, bekommt man Mitarbeiter, die sich in ihrer herbeigesehnten Freizeit etwas kaufen. Da wird kaum jemand mit der Qualität seiner Arbeit auffällig werden.

Geltung (und damit Macht) gewinnt ein Hacker durch die Qualität der eigenen Arbeit. Das Statussymbol ist die Zahl der Fragen, die ihm gestellt werden: dies ist sein Gradmesser von Kompetenz und Ansehen - nicht der Porsche, der Auskunft über den Kontostand seines Besitzers gibt.

Die Trennung zwischen "besser" und "weniger gut" liegt also wieder nicht zwischen kommerzieller vs. freier Software: sie hängt am Thema. Compiler und Betriebssysteme [2] sind Felder, für die man ohne weiteres qualifiziertes und begeisterungsfähiges Personal findet. Anders dürfte es aussehen, wenn man eine Stelle für Datenbankprogrammierung oder die Weiterentwicklung von Office-Software zu vergeben hat.

In der Welt der kommerziellen Software findet man leicht Beispiele. Wenn man Open-Source ansieht, findet man ein cooles Betriebssystem mit ebenso coolem Compiler im coolen, aber nicht eben einfach zu bedienendem Unix-Gewand - und ein Office-Paket, dessen Existenz sich einem Zufall [3] verdankt.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Letztlich gibt es doch wieder den Urgrund, die materielle Wurzel jeder Form von Produktion. - Atempause.

  1. [1] Auch Visual-C hat seine Macken, und Word hat im Lauf der Zeit einige Macken abgelegt.
  2. [2] Das gilt auch für Musiksoftware.
  3. [3] Das ist so nicht ganz richtig - man müßte "dessen Existenz sich einem Zufall" durch folgenden Nebensatz ersetzen (was ich aus Gründen der Handhabbarkeit nicht tue): "dessen Verfügbarkeit für die Open-Source-Bewegung sich einer Verkettung von Umständen, für die weder der Gründer jener später Pleite gegangenen Firma, die die Software ursprünglich entwickelte, noch Sun-Microsystems, die diese Firma später kauften und den Sourcecode - aus einem Mißverständnis heraus, wie ich nach wie vor fest überzeugt bin - noch die Open-Source-Bewegung, die zu dieser Verkettung der Umstände nicht das geringste beigetragen hat, etwas kann" - abschließend Komma + "verdankt".
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