23.5.2008

Ich möchte deinen Mund küssen

"Ich möchte deinen Mund küssen", sang sie auf ihrem Stuhl hinter dem Kneipentisch leise vor sich hin. Es war nach der Aufführung einer unbekannten italienischen Oper auf der Bühne einer Kleinstadt, in der sie eine der ersten Hauptrollen ihrer jungen Sängerlaufbahn hatte, und längst nach Mitternacht - kein Alkohol, man hatte noch erregt über die Vorstellung des Abends diskutiert, versackte langsam in allgemeiner Müdigkeit. Sabine war mir über zwei Ecken bekannt, wir sind uns an diesem Abend zum zweiten Mal nach Jahren über den Weg gelaufen (ich saß vorher noch im Publikum), und ich hatte nur beiläufig ihr Singen bemerkt. Aus meinem eigenen Halbschlaf ein wenig wach werdend antwortete ich, mit reichlich ungelenker Stimme, aber offenkundig erkennbar: "Jochanaan". Sie richtete ihren Körper auf und etwas ungelenkt den Zeigefinger in meine Richtung, sah mir in die Augen und sagte: "Genau!". Wenn - und falls - wir uns wieder begegnen, bin ich sicher, daß sie diese Szene ebenso glasklar erinnert, wie ich dies gerade tue.

Richard Strauß: Salome
Nielsen, Hale, Goldberg, Silja
Danish National Radio Symphony Orchestra
Michael Schonwandt
Chandos 1999

Ich hatte das Glück, Inga Nielsen öfters als Teil der Stammbesetzung der Hamburger Oper zu hören, u.a. als Elsa, aber eben auch als Salome. Mich begeistern Stimmen, die auch ohne (pseudo)dramatisches Vibrato Durchschlagskraft haben, nicht nur in den oberen Registern, sondern auch wenn es schwierig wird, nämlich in der Mitte und womöglich sehr tief unten - und einen Sopran aus dieser Kategorie hat die Nielsen zweifellos vorzuweisen. Dazu kommt ein ganz anrührender Ton, wenn sie sehr leise und fast ungestützt singt: das klingt dann fast, als wäre es die Stimme eines kleinen Mädchens.

Aber auch der Rest der Sängerschaft ist erstklassig, allen voran der Ehemann der Nielsen, Robert Hale. Orchester und Aufnahmetechnik sind aber leider höchstens Durchschnitt - bei einer Besetzung mit über hundert Musikern ist das ein echtes Handicap; es fällt mir schwer, die Aufnahme zu hören ohne Partitur in der Hand.

Auf Richard Strauss (1864-1949) werde ich später zurückkommen - müssen, leider, mit schwerem Herzen, es führt kein Weg daran vorbei, es ist ein ganz schwieriges Thema

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