12.5.2008

Zum Begriff der Romantik (1) - Anton Bruckner und das „Erhabene”

Die Natur in stürmischer Bewegung; Helldunkel, durch drohende schwarze Gewitterwolken; ungeheure, nackte, herabhängende Felsen, welche durch ihre Verschränkung die Aussicht verschließen; rauschende schäumende Gewässer; gänzliche Oede; Wehklage der durch die Schluchten streichenden Luft. Unsere Abhängigkeit, unser Kampf mit der feindlichen Natur, unser darin gebrochener Wille, tritt uns jetzt anschaulich vor Augen; so lange aber nicht die persönliche Bedrängniß die Oberhand gewinnt, sondern wir in ästhetischer Beschauung bleiben, blickt durch jenen Kampf der Natur, durch jenes Bild des gebrochenen Willens, das reine Subjekt des Erkennens durch und faßt ruhig, unerschüttert, nicht mitgetroffen, an eben den Gegenständen, welche dem Willen drohend und furchtbar sind, die Ideen auf. In diesem Kontrast eben liegt das Gefühl des Erhabenen.
(Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, München 1998, S.276)


Mir passiert es nicht zum ersten Mal, daß ich nach einer Dusche aus Brucker-Sinfonik im Schopenhauer blättern muß, um herauszufinden, was da gerade mit mir geschehen ist. Bruckers Musik ist auf den ersten Blick eine seltsame Mischung aus kindlicher Naivität, handwerklichem Ungeschick (wenn man das am Maßstab seiner eigenen Zeit mißt), Auftrumpfen an der größten Orgel, die er sich erträumen bekommen konnte, merkwürdig verknüpftem Umgang mit dem Gedanken der Durchführung (die bei ihm gelegentlich Züge des Zwanghaften annimmt), und selbst heute unüberhörbarem Selbstzweifel[1].

Trotzdem bin ich nach jeder Begegnung mit diesem zuerst so zweifelhaften Charakter zutiefst beeindruckt - und ich finde, Schopenhauers Definition des Begriffs der Erhabenheit hilft bei dem Versuch zu klären, warum das so ist.

Bruckners Musik ist nicht „schön” - auch diesen Begriff in Schopenhauers Sinne genommen, den dieser nachdrücklich gegen den des „Erhabenen” wie auch den des „Reizenden” abgegrenzt (die Schönheit würde ich dann z.B. bei Schubert finden, das Reizende bei den Beatles[2]).

Bruckners Musik tritt dem Hörer entgegen wie dem Astronauten die Mondlandschaft: kalt, lebensfeindlich, und mit einem unglaublichen Ausblick auf die blaue Erde.

  1. [1] Ich weiß selber, daß das höchst undifferenzierte Polemik ist - mein Punkt ist ein anderer.
  2. [2] Das ist nicht mehr als eine improvisierte Annäherung...
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