30.3.2008

Netzwerkprodukte (5)

(Themenanfang)

Der letzte Protagonist betritt die Bühne: das Internetpublikum. Wo sich in der Realität ein heilloses Gedrängel ergäbe, ist es im virtuelle Raum tatsächlich möglich, daß alle Zuschauer gleichzeitig Darsteller sind.

Facebook (als deutsche Kopie StudiVZ[1]), MySpace, Flickr, YouTube, die Welt der Blogger[2] - all dies sind Orte, die zentral sind für das Web 2.0. Sie leben von der "Community", den Beiträgen ihrer User. Aus technischer Perspektive sind diese Webseiten eher uninteressant - um den Code etwa für Wordpress zu schreiben, bedarf es keines Studiums der Informatik: sie leben von einer jeweils eigenen, originellen Idee, den Bedarf nach Kommunikation in noch nicht dagewesene, im Nachhinein zwingend scheinende Bahnen zu lenken.

Ein alter Traum wird wahr: ein Medium tritt in die Wirklichkeit, das von denen gesteuert wird, die es benutzen. Hans Magnus Enzensberger hatte den Traum Anfang der siebziger Jahre:

Der Autor hat als Agent der Massen zu arbeiten. Gänzlich verschwinden kann er erst dann in ihnen, wenn sie selber zu Autoren, den Autoren der Geschichte geworden sind.

(Baukasten zu einer Theorie der Medien, Kursbuch 20, Ff./M, 1970)

Das Internet ist die technische Umsetzung dessen, was das Fernsehen nur als Utopie versprach: die Aufhebung des Unterschieds zwischen Sprecher und "Masse", wie man im Jargon jener Tage sagte.

Nun ist es offensichtlich, daß die Utopie von der Autorenschaft der Gesellschaft an der eigenen Geschichte - mit anderen Worten: der Selbstbestimmung von Gesellschaft über ihr eigenes Schicksal - trotz solcher technischen Möglichkeiten keineswegs gelang.

Jeder kann mitreden: damit beginnen aber völlig neue, unvorhergesehene Probleme. Auf der einen Seite versinkt die Welt in selbstbezüglichem Lärm: was wichtig ist, läßt sich in all dem Datenmüll kaum noch identifizieren. Man kann Google nicht dazu instruieren, die "wichtigsten", "relevanten" oder "schönsten" Beiträge zu einem bestimmten Thema zu finden. Auf der anderen Seite ist das Internet keineswegs ein herrschaftsfreier Raum, in dem jeder Redner und jede Rede gleich viel wert wäre. Nach wie vor gilt: wer über Marktmacht verfügt, verfügt gleichzeitig über eine laute Stimme.

Den Problemen, die der "gläserne User" sich selber bereitet, indem er sich den Instrumenten der Spionage privatester Daten kritiklos ausliefert, habe ich einen eigenen Baukasten gewidmet.

  1. [1] Nein, die verlinke ich nicht.
  2. [2] Die Blogszene hierzulande ist eine Randerscheinung, vergleicht man sie mit jener in den Vereinigten Staaten: wenn dort ein bekannter investigativer Blog über das Fehlverhalten eines Senators berichtet, schlägt das Wellen, hoch genug, diesen zum Rücktritt zu zwingen.
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